Berlin | Wie schlecht es wirklich um die Wirtschaft im Osten stand, hatte nach dem Fall der Mauer noch keiner begriffen. "Die Situation der Volkswirtschaft in der DDR wurde völlig falsch eingeschätzt", sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Montag auf einer Podiumsdiskussion in Berlin.

"Es hieß immer, die DDR sei eine der zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt", erinnerte sich Michael Hüther. Der heutige Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln war 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den fünf Wirtschaftsweisen. "Die Zahlen, die dort vor der Wiedervereinigung vorgelegt wurden, waren völlig irrational", so Hüther. Der ehemalige Ministerialdirektor im Bundesfinanzministerium, Eckart John von Freyend, sah die Einheit als "heroische Aufgabe". "Die Wiedervereinigung war mühsam, aber erfolgreich", erklärte Haseloff.

Zumindest in einem Punkt ist Ostdeutschland ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall annährend auf West-Niveau. Die Verkehrsinfrastruktur ist gut ausgebaut. Das ist eine Erfolgsgeschichte, so Hüther. Bei der wirtschaftlichen Entwicklung geht die Angleichung allerdings deutlich langsamer voran.

Den neuen Bundesländern mangele es an wirtschaftsstarken Ballungsräumen und großen, finanzkräftigen Unternehmen mit vielen Beschäftigten: "Ein struktureller Nachteil ist die Kleinteiligkeit der ostdeutschen Unternehmensstruktur", sagte Wirtschaftsexperte Hüther. Kleinen Betrieben fehle die Finanzkraft, um in internationale Märkte vorzustoßen. Zudem bestehe in Forschung und Entwicklung großer Nachholbedarf.

Die Gefahr, dass die neuen Länder langfristig und nachhaltig zurückbleiben, gebe es indes nicht mehr. Derzeit stehen Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Berlin bei etwa 70 Prozent des westlichen Bruttoinlandsproduktes. "In den ersten fünf Jahren nach der Wiedervereinigung hat es einen großen Sprung gegeben", erklärte Hüther. Seitdem bewege sich der Index aber nur noch mit geringer Geschwindigkeit nach oben.

Haseloff will Investoren nach Sachsen-Anhalt locken

"Um die Lücken zu schließen, brauchen wir einen langen Atem", mutmaßte Haseloff. Sachsen-Anhalt wolle vor allem mithilfe von Geldgebern versuchen, Wertschöpfungsketten zu schließen. "Wir haben unter den neuen Bundesländern den höchsten Anteil an ausländischen Investoren", so Haseloff.

Mittelständische Betriebe könnten durch steuerliche Vorteile zu mehr Forschung und Entwicklung ermutigt werden, regte Michael Hüther an. Doch die weitere Annäherung an den Westen wird nur langsam vorangehen. "Auch in 50 Jahren wird noch zu erkennen sein, dass Deutschland ein geteiltes Land war", sagte Haseloff und bremste die Erwartungen.

Nur im Hinblick auf den demografischen Wandel haben die neuen Bundesländer die Nase vorne. Rund zwei Millionen Menschen sind nach der Einheit in den Westen abgewandert. Einige Regionen haben bis zu 30 Prozent ihrer Einwohner verloren. Eine Entwicklung, die auch auf einige westdeutsche Industrieregionen zukommen wird. "Wir nutzen in den alten Ländern zu wenig die Erkenntnisse, die aus den massiven Bevölkerungsveränderungen gewonnen werden konnten." Für den demografischen Wandel seien die neuen Bundesländer ein Laboratorium und eine Lerneinrichtung für die gesamte Bundesrepublik, betonte Hüther.