Brüssel | Woodstock" heißt die Oktober-Woche der Regionen im EU-Jargon. Gleich dem legendären amerikanischen Musikfestival kommt hier ganz Europa zusammen, den jeweiligen regionalen Rucksack im Gepäck. In namhaften EU-Gremien bemüht sich Sachsen-Anhalt, im vielstimmigen Konzert hörbar zu sein: Sprich im Regional-Woodstock dem Land eine Stimme zu geben.

Das passiert auf verschiedenen Ebenen. Im Ausschuss der Regionen, dem Zusammenschluss der Gebietskörperschaften der EU, lenkt Michael Schneider, sachsen-anhaltischer Staatssekretär und Chef der konservativen EVP-Fraktion, die Aufmerksamkeit auf die Verbindung zwischen regionalen und europäischen Zusammenhängen am Beispiel der Ukraine-Krise: "Wir bekommen die Rückwirkungen bis in jede Gemeinde zu spüren."

6000 Teilnehmer aus 200 Regionen zählen die "Open days", es gibt mehr als 100 Workshops, bei denen sich 600 Redner zu Wort melden. Die regionalen Fördertöpfe für den Zeitraum bis 2020 sind gut gefüllt. Fast ein Drittel des gesamten EU-Haushaltes, rund 352 Milliarden Euro, werden in die Regionalentwicklung fließen. Eine Wucht von Terminen und Fakten, die einen zu erschlagen droht.

Demografischer Wandel

Davor bewahrt ein Abstecher in die Brüsseler Sachsen-Anhalt-Vertretung. Das Haus am Boulevard Saint Michel ist längst zum Zentrum der Regionen - so der offizielle Name - avanciert: Neben Sachsen-Anhalt zeigen hier Mecklenburg-Vorpommern, der Landtag von Brandenburg und die spanische Region Valencia Flagge. Programmatisch haben sich die Sachsen-Anhalter an einem heimischen Schwerpunktthema ausgerichtet: der Bewältigung des demografischen Wandels. In einem Forum dazu stellt Henrik Webel von der sachsen-anhaltischen Staatskanzlei den 2010 ersonnenen "Fachkräftesicherungspakt" vor.

Ein Vertreter aus Valencia berichtet über die Neuausrichtung der gesundheitlichen Betreuung, und ein Regionalplaner aus dem polnischen Masowien berichtet über das Bemühen, die Leute von der Abwanderung in die Metropole Warschau zu hindern, in dem auf dem Lande vernünftige Existenzbedingungen geschaffen werden.

Kostenloser Nahverkehr

Aufhorchen lässt, was dann Taavi Aas, Bürgermeister der estnischen Hauptstadt Tallinn, berichtet: In der nordischen Metropole mit rund 430 000 Einwohnern ist der öffentliche Nahverkehr seit 2013 gratis! Nicht nur aus reiner Menschenfreude: Da die Regelung nur für in Tallinn gemeldete Esten gilt, gewinnt die Stadt einen exakten Überblick über die steuerpflichtigen Einwohner und kann selbige zur Kasse bitten. Das schreckt offenbar niemanden ab: Seit Einführung des kostenlosen Nahverkehrs ist die Einwohnerzahl Tallinns um 16 000 gestiegen.

Die ständig sinkenden Einwohnerzahlen im ländlichen Raum - nicht nur in Sachsen-Anhalt - sind Thema eines weiteren Workshops. Im Mittelpunkt stehen junge, gut ausgebildete Frauen, die als Stütze des Lebens auf dem flachen Land nicht verloren gehen sollen. Dem ist das EU-Projekt "Women" gewidmet, das elf Regionen aus Polen, Österreich, Deutschland, Slowenien und Ungarn vereint und von der sachsen-anhaltischen Landesregierung geführt wird. "Einzigartig" nennt es Wilfried Köhler, Koordinator für Demografie-Politik beim Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr. Über ihre Bemühungen, junge Frauen im Dorf zu halten, sagt etwa Bürgermeisterin Maria Skazel aus der Gemeinde St. Peter in der Steiermark: "Wir überzeugen die Leute, dass es besser ist, das Geld für bessere Kinderbetreuung und nicht für eine neue Straße auszugeben."

Botschaft per Video

Zum Nutzen solcher Veranstaltungen sagt Henrike Franz, Chefin der Vertretung: "Für uns ist der Austausch zwischen den Regionen wichtig. Wir können in Europa eine Menge voneinander lernen und für Sachsen-Anhalt etwas mitnehmen."

Um diesen Effekt zu verstärken, kommt beim "Women"-Forum das dritte sachsen-anhaltische Standbein ins Spiel - die EU-Abgeordneten. Einer, Arne Lietz aus Wittenberg von der SPD, lässt sich beim "Women"-Forum durch sich selbst vertreten: Er sendet eine freundliche Video-Botschaft. Selbst präsent ist dagegen Sven Schulze (CDU): Er diskutiert schon als Dorfbewohner von Heteborn bei Quedlinburg gern selbst mit über die demografische Entwicklung.