Zu den Merkwürdigkeiten der morgigen Ukraine-Wahl gehört die Konstellation innerhalb des Bündnisses von Präsident Petro Poroschenko. Dessen eigene Partei "Zeit für Einigkeit" ist winzig, Verbündeter Vitali Klitschko bringt seine stärkere Udar-Partei ein und sich selbst als Spitzenkandidat.

Von Steffen Honig

Die Kooperation zwischen Bürgermeister und Präsident funktioniert: Während Klitschko die Spuren des Umbruchs auf dem Kiewer Maidan beseitigt und das verwüstete Rathaus renoviert hat, ordnete Poroschenko die Inbetriebnahme der Heizungen trotz Energieknappheit an. Warme Wohnungen sollen die Wähler zusätzlich motivieren, ihr Kreuz beim Poroschenko-Block zu machen, für den Klitschko ein Frontmann ist.

Der vom Boxverband WBC zum "Champion Emeritus" ernannte Kiewer Bürgermeister will jedoch gar nicht ins Parlament einziehen, sondern sich weiter um die Hauptstadt kümmern. Klitschko spricht mit deutschen Gästen in seinem Amtssitz an der Prachtstraße Kreschtschatik gern Deutsch. Das klingt dann ein wenig wie in den gestelzten TV-Statements vor früheren Box-Titelkämpfen. Nur gilt es nicht mehr, einen Gegner im Seilquadrat zu vernichten, sondern Politik zu gestalten, die die Hauptstadt und das vom Bürgerkrieg erschütterte Land insgesamt aus der Krise führen können.

Klitschko feuert hintereinander seine verbalen Geraden ab: "Seit 20 Jahren machen wir bei der demokratischen Gesellschaft keine Fortschritte." "Investoren haben Angst, weil wir über keine klaren Regeln verfügen." "Das hier ist kein Bürgermeisterstuhl, sondern ein elektrischer Stuhl!" "Wir bauchen Reformen und alle Reformen beginnen in der Hauptstadt." Noch ein Haken Richtung Russland wegen übler Propaganda und Verunglimpfung der Ukrainer als Faschisten, dann holt der Bürgermeister zum finalen Schlag aus: "Auf dem Weg nach Europa kann uns keiner stoppen." Inwieweit Parolen im Augenblick bei den Leuten vor der Tür verfangen, bleibt indes unklar.

Immerhin sieht es nach letzten Umfragen gut aus für das Bündnis von Petroschenko und Klitschko: 28 bis 30 Prozent der Stimmen könnten herausspringen, was den Spitzenplatz bedeuten würde. Mindestens einen Koalitionspartner aber bräuchte der Poroschenko-Block jedoch, um regieren zu können.

In Frage kämen zuerst die Volksfront des bisherigen Premiers Arseni Jazenjuk und die Radikalen von Oleg Ljaschko. Beide sind Scharfmacher, Jazenjuk in demokratischem, Ljaschko in nationalistischem Gewand. Poroschenko gibt sich dagegen als ein Mann des Ausgleiches, was bei den Ukrainern nach Krawall und Krieg dieses Jahres deutlich besser ankommt.

Und was ist mit Julia Timoschenko, der vom Westen zur Revolutionsikone hochstilisierten früheren Ministerpräsidentin? Ihre Vaterlandspartei tritt zwar zur Wahl an, kann aber froh sein, wenn sie über die Fünf-Prozent-Hürde kommt. Die Dame spielt kaum noch eine Rolle.