Der Graben zwischen Russland und dem Westen hat sich vertieft. Volksstimme-Redakteur Steffen Honig sprach darüber mit dem russischen Philologen und Publizisten Gasan Gusejnov, der auch als Experte für das Goethe-Institut arbeitet.

Herr Gusejnow, wie hat sich der Ton in der offiziellen Berichterstattung Russlands über den Westen seit der Ukraine-Krise verändert?

Eine einheitliche "gleichgeschaltete" Änderung gibt es wahrscheinlich noch nicht. Allerdings hat die offizielle Berichterstattung in Russland ein ganz neues Bild der europäischen Öffentlichkeit aufgebaut, das einerseits aus den uralten Klischees der Sowjetzeit bestand, andererseits aber eine Art zum Teil fiktiver Alternative präsentiert. Es geht um fingierte Wissenschaftler oder Politiker aus Deutschland oder Frankreich, angebliche Professoren von nicht existierenden Universitäten oder Akademien. Ihre Meinungen und Berichte haben die offiziellen russischen Medien mit denen der echten westlichen oder deutschen "Putinversteher" gemischt. Diese Technik nutzten die NKWD, KGB und wie sie alle hießen, und natürlich die Partei seit der Gründung der Sowjetunion. Nun hat die Nachfolgegeneration die alte Waffe wieder scharf gemacht. Daher entstand in allen Schichten der Gesellschaft ein Bild des schlauen Westens, der uns erobern und erniedrigen will. Gegen eine Verschwörungstheorie, die den Ton bestimmt, sehe ich im Moment keine Mittel.

"Putin will deutsche Zivilgesellschaft korrumpieren."

Die russische Führung hat Millionen investiert, um ihren Auslandskanal "Russia Today" in jeder Beziehung aufzurüsten. Es gibt in Deutschland inzwischen auch einen Internet-Ableger. Was soll damit erreicht werden?

Putin und seine Propaganda-Maschine wollen diejenigen in Deutschland korrumpieren, die bis jetzt immun waren. Dabei geht es um mehrere Gruppen der deutschen Zivilgesellschaft. Einerseits sind es die echten Freunde Russlands, für die der ganze Konflikt in Ukraine ein lokales, nur Russland selbst tangierendes Ereignis zu sein scheint. Diese Menschen sehen Russland als souveränen Herrscher über das ganze Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Solche Stimmen hört man tatsächlich überall in Deutschland, und die werden in Russland verbreitet.

Eine andere Gruppe sind die ehemaligen Bürger der UdSSR, die seit geraumer Zeit in Deutschland gelebt haben, nun aber eine Farbe beziehen wollen. Einige davon sind schon ziemlich hoch aufgestiegen und konnten wahrscheinlich ein paar Putin-freundliche Entscheidungen durchboxen. Der Wunsch der jetzt regierenden Gruppe wäre, glaube ich, die eigenen Lobbyisten zu stärken, damit die Anomie als Grundlage der Politik in der Ukraine und auf der Krim aus dem Blick der deutschen Öffentlichkeit verschwinden könne.

Was wissen Sie über die Wirkung?

Sehr wenig.

Nach innen gerichtet wird gleichfalls kräftig patriotisch-antiwestlich getrommelt. Wie wirkt sich das auf die russische Gesellschaft aus?

Es ist eine sehr schwierige Frage. Einerseits, und dies betrifft vor allem Menschen mit einer sowjetischen Erfahrung, ist jedes neue Propaganda-Wort ein Nagel im Sarg der Propaganda selbst.

"Unkritische Jugend direkt der Kriegspropaganda ausgesetzt."

Andererseits gibt es jede Menge junge Leute, die diese alte sowjetische Propaganda nicht erkennen, weil sie ja nie in der Schule kritisch betrachtet wurde, es gab also keine "Entsowjetisierungspolitik", keine "Vergangenheitsbewältigung". Daher ist die heutige unkritisch-fröhliche Jugend direkt der Kriegspropaganda ausgesetzt. Diejenigen sind schon die ersten Opfer dieser Propaganda im Osten der Ukraine, die für die Chimären der Sowjetunion töten und sterben. Die in der Angst erzogene übrige Gesellschaft murmelt nur und tut so, als wäre nichts passiert.

Die russische Wirtschaft und der Rubel-Kurs sind auf Talfahrt. Wie nimmt das die Bevölkerung auf, die jahrelang ein solides Wirtschaftswachstum gewohnt war?

Solides Wirtschaftswachstum war nur für einen Teil der Bevölkerung eine Tatsache, die Mehrheit hat natürlich auch davon profitiert, aber nur sehr begrenzt. Was jetzt tatsächlich passiert innerhalb des Machtapparats ist genauso unklar wie zu Sowjetzeiten. Die Bevölkerung hat eine lange Tradition des Überlebens oder eben des Sterbens unter solchen patriotischen Bedingungen, wie zum Beispiel im unsichtbaren Krieg in Afghanistan (1979-1989) oder im sichtbaren in Tschetschenien (seit 1994 und bis zur jetzigen Pause). Die Gesellschaft ist zu stark atomisiert und bleibt nach wie vor der Ideologie des Kalten Krieges treu.

Vor der Wiederwahl des Präsidenten gab es - zumindest in den Großstädten - eine Protestbewegung gegen den Kurs Putins. Warum ist diese verschwunden: aus Einsicht, Resignation oder Angst?

In einer De-facto-Monarchie wählt man keinen Präsidenten. Die Konzentration der Ressourcen ist einfach zu stark und die Verteilungskette zu lang, um ein Protestnetzwerk überhaupt zu vermuten. Resignation und Angst der Schwächeren, Loyalität und Hoffnung auf eventuell erfolgreiche Raubüberfälle bei den Stärkeren - das hält die russische Gesellschaft zusammen. Wie lange noch, kann niemand sagen. Auch das alte Russische Reich ist 1917 in wenigen Tagen auseinandergefallen, und die jüngere Sowjetunion brauchte nur Monate, um 1991 den Geist aufzugeben. Wahnsinnig optimistisch bin ich also nicht. Wir können nur hoffen, dass Logik des Lebens den geheimdienstlichen Wahnsinn gegen alle Befürchtungen überwindet. Selbst zu agieren, ist die heutige russische Gesellschaft nicht bereit.