Berlin (dpa) I Eigentlich ist Michael Müller jemand, der seine Gefühle im Gesicht trägt. Eine verbissene Miene mit eingefallenen Wangen zum Beispiel im Mai nach dem verlorenen Volksentscheid zur Nutzung des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Als er am Donnerstag zu Berlins neuem Regierungschef ernannt wird, verzieht der 50 Jahre alte SPD-Politiker jedoch kaum eine Miene. "Ja", sagt er mit fester Stimme. Er nehme die Wahl an. Es dauert, bis das entspannte, breite Lachen wieder da ist.

Seit seiner Kandidatur zum Regierenden Bürgermeister ist Müller ganz bei sich selbst. Dabei sah es zuvor gar nicht gut aus: Als Chef der Landes-SPD abgesägt, in der Partei ein Auslaufmodell, dann Tempelhof. Die Berliner lehnten Bebauungspläne für das riesige Innenstadtareal mehrheitlich ab. Die Stadtentwicklung, das größte Ressort in der rot-schwarzen Berliner Landesregierung, brachte dem Senator mehr Probleme als Applaus. In der SPD galt er vielen als führungsschwach, Parteilinken war er zu pragmatisch. Er sei freier geworden durch Dinge, die nicht geklappt haben, sagt Müller jetzt.

Dem hageren Mann mit der runden Brille wird ein fehlender Glamourfaktor vorgeworfen. Der gebürtige Berliner hat den Ruf, zwar freundlich und fachlich hervorragend zu sein, aber blass in der Öffentlichkeit. Ein Arbeiter unter den Politikern, der sich gern in Akten vergräbt. Einfach zu wenig "Typ".

Der Bruch nach seinem Vorgänger Klaus Wowereit - auch regierender Partymeister oder Sonnenkönig genannt - könnte kaum größer sein. Doch die beiden Sozialdemokraten liegen auf einer Wellenlänge.

Müller galt vor seinem Sturz jahrelang als Wowereits Kronprinz, sein natürlicher Nachfolger. "Wir ticken politisch in dieselbe Richtung und ansonsten ist Michael Müller ein sehr sympathischer Mensch", sagte Wowereit kürzlich der "Bild". Nach der Wahl am Donnerstag gab es keine Blumen, sondern eine lange, herzliche Umarmung.

Müller betont gern, er wolle den Kurs seines Freundes Wowereit im Roten Rathaus fortsetzen. Mehr Arbeitsplätze und eine leistungsfähige Verwaltung schreibt er sich auch auf die Fahnen. Mitnehmen will der zweifache Vater sein Lieblingsthema aus der Stadtentwicklung: bezahlbare Wohnungen für die wachsende Hauptstadt. Für die Finanzen dagegen holte er sich mit dem hessischen Banker Matthias Kollatz-Ahnen einen Fachmann von außen.

18 Jahre lang war Müller Abgeordneter, 10 Jahre Fraktionschef, 8 Jahre Parteivorsitzender und schließlich 3 Jahre Senator. Jetzt ist er der mächtigste Mann im Land Berlin. Und einer, dessen breites Lächeln nicht über den durchaus beißenden Sarkasmus wegtäuschen kann.