Am Donnerstag ist Afghanistan Thema im Bundestag: Das Parlament berät über das Mandat für 850 Bundeswehrsoldaten, die nach dem Ende des Kampfeinsatzes als Ausbilder im Land bleiben sollen. Burkhard Lischka kann dabei fast direkt aus Kabul berichten: Drei Tage führte der SPD-Abgeordnete in der Vorwoche Gespräche mit Politikern, Sicherheitsexperten und Vertretern der Zivilgesellschaft. Es war bereits der dritte Besuch Lischkas seit 2010.

Am meisten beeindruckten den Magdeburger aber nicht Minister und Generäle, sondern acht junge Afghanen. 25, 26 Jahre alt waren diese "Young Leaders", also junge Führungskräfte, aus Unternehmen, Landwirtschaft, Hochschulen und Verwaltung, mit denen Lischka in Kabul Gegenwart und Zukunft des geschundenen Landes diskutierte. Die Mittzwanziger seien Vertreter der bestausgebildetsten Generation, die Afghanistan je hatte, sagt Lischka. Er berichtet über die beeindruckende Zuversicht seiner Gesprächspartner: "Der Tenor war: Das, was wir erreicht haben, lassen wir uns nicht mehr nehmen. Die Taliban müssten jeden Einzelnen von ihnen wegbomben, wenn sie das Land ins Mittelalter zurückwerfen wollen."

An Versuchen dazu fehlt es leider nicht, wie Lischka selbst erfahren musste. Allein am vergangenen Donnerstag knallte es dreimal in der Hauptstadt und in deren Umkreis. Schlagzeilen in Europa machte vor allem der Anschlag auf die französische Schule in der Kabuler Innenstadt. Ein deutscher Entwicklungshelfer gehörte zu den 20 Todesopfern dieses Selbstmordanschlages, ausgeführt von einem fanatisierten Teenager.

Einer der jungen Manager hatte zugunsten der Gesprächsrunde auf eine Einladung zur gut besuchten Kulturveranstaltung in der Schule verzichtet. Was ihn zum Bekenntnis veranlasst, dass er ohne den Gesprächstermin vielleicht gar nicht mehr leben würde. Er hat einfach Glück gehabt: So dicht liegen Leben und Tod neben-einander in Kabul im Dezember 2014.

Doch wollen sich städtische, gebildete Afghanen vom Taliban-Terror nicht unterkriegen lassen. Nach einem schweren Anschlag am Kabul-See 2013 etwa verabredeten sich mehrere Hundert Studenten zu einem gemeinsamen Picknick genau an diesem Ort und zogen ihre Aktion durch. "Diese Generation ist die einzige Chance, die das Land hat. Das lässt mich ein Stück weit optimistisch für die Zukunft Afghanistans sein", erklärt Lischka. Zumindest in den großen Städten "haben 13 Jahre etwas ausgelöst."

Kabul ist heute eine pulsierende Stadt mit diversen Neubauten, florierendem Handwerk und Gewerbe. Die Einwohnerzahl ist von 500000 auf rund vier Millionen gestiegen, Frauen mit Burka sind selten geworden. Von den afghanischen Dörfern hatten 2001 nur 6 Prozent eine Stromversorgung, jetzt sind es 30 Prozent.

Im Augenblick jedoch sei die Sicherheitslage, nicht zuletzt durch das Ende des Kampfeinsatzes der internationalen Truppen zum Jahreswechsel, "deutlich schlechter als vor vier Jahren", sagt SPD-Politiker Lischka. Er konnte mit seinem Fraktionskollegen Karl-Heinz Brunner diesmal nicht ins geschützte Ausländer-Hotel ziehen - zu gefährlich. Stattdessen übernachteten die Abgeordneten in der Botschaft. In der Stadt waren sie nur im Sicherheitskonvoi unterwegs.

Die große Frage ist, wie es weitergeht, wenn die 350000 Angehörigen der afghanischen Polizei und Armee allein die Verantwortung für die Sicherheit tragen. Immerhin sind die großen Städte und Hauptverkehrsadern unter Regierungskontrolle geblieben, seit die ausländischen Truppen die Verantwortung für die Provinz abgegegben haben.

Dass die Taliban über Nacht an die Macht kommen können, glaubt Lischka nicht. Es gebe eher ein Patt - keiner könne den anderen besiegen: "2015 wird ein Schlüsseljahr für Afghanistan."

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