Peshawar (dpa) l Erstklässler flüchten weinend ins Freie, Mütter suchen tränenüberströmt nach ihren Kindern. Schwer bewaffnete Soldaten umzingeln den Tatort - eine Schule, von der Hunderte Schwerverletzte abtransportiert werden. Es sind bestürzende Szenen an diesem Dienstagmorgen in Pakistans nordwestlicher Millionenstadt Peshawar, wo islamistische Talibankämpfer sich über Stunden mit 500 Geiseln verschanzen. Die vorläufige Bilanz am Nachmittag, nach der Erstürmung durch Militär und Polizei: Mindestens 132 Tote, darunter mindestens 125 Kinder und Jugendliche.

Es ist einer der schwersten Anschläge seit Jahren in dem Atomstaat mit seinen schätzungsweise knapp 190 Millionen Einwohnern. Zu der Bluttat an den Minderjährigen bekennen sich die Islamisten von Tehrik-i-Taliban (TTP), ein loser Verbund radikaler Gruppen. Ihr Motiv: Rache. Denn die Schule mit rund 1000 Kindern und Jugendlichen - darunter auch Mädchen - wird vom Militär betrieben, ihrem verhassten Gegner. "Wir wollen, dass sie den Schmerz fühlen, den wir fühlen", sagt einer ihrer Sprecher laut örtlichen Medien.

Seit Monaten liefern sich die Taliban, deren Stärke Experten auf mehrere Zehntausend schätzen, erbitterte Gefechte mit Regierungssoldaten. Die Armee hat in ihren Stammesgebieten im Nordwesten vor Monaten eine groß angelegte Offensive gestartet. Die Taliban haben in den letzten Monaten verstärkt Schulen mit Bomben und Terrorkommandos angegriffen. Sie gelten als "weiche", leicht zu attackierende Ziele, weil sie zumeist gar nicht oder nur spärlich gesichert sind. Besonders gefährdet sind reine Mädchenschulen, die den streng gläubigen Dschihadisten ein Dorn im Auge sind.

Generell sind den Taliban staatliche und private Schulen verhasst, weil sie aus ihrer Sicht "westlicher Dekadenz" Vorschub leisten, un-islamische Lehren verbreiten. Im Norden und Nordosten des Landes wurden nach offizieller Zählung seit 2009 mehr als 1000 Schulen von Extremisten angegriffen. In vielen Fällen werden die Gebäude nachts in die Luft gesprengt, so dass die Schüler oft länger unter freiem Himmel unterrichtet werden. Die wiederkehrenden Attacken sind ein Grund dafür, dass nicht einmal die Hälfte der Kinder im Alter zwischen 5 und 16 Jahren in Pakistan zur Schule geht.