Magdeburg I Das ungebrochen große Interesse an der Ukraine-Krise untermauert ein Forum mit Korrespondent Bernhard Lichte in Magdeburg. Mehr als 300 Besucher wollen den Fernsehmann erleben und sparen nicht mit Kritik an der Informationsgebung.

Präzise und illusionslos charakterisiert Lichte die Lage um die Ukraine: Völlig festgefahren. Verknappt stellt sich demnach die aktuelle Situation wie folgt dar: Das geplante Gipfeltreffen in Astana in dieser Woche sei geplatzt, weil es keine Erfolgsaussichten gehabt habe. Von Waffenstillstand in der Ostukraine könne keine Rede sein. "Die Kämpfe leben an der ganzen Frontlinie wieder auf", erklärt Lichte. Mit der von der Ukraine beschlossenen Mobilisierung von insgesamt 100000 Soldaten stünden vielmehr die Zeichen auf eine angestrebte militärische Lösung durch die Kiewer Führung.

Zu den Positionen von Konfliktparteien und Vermittlern sagt Lichte: "Die Ukraine will nicht mit den Separatisten reden - diese sehen sich als Vertreter der Oblaste Donezk und Lugansk, obwohl die Demarkationslinie mitten hindurch verläuft." Russland verstehe sich als Makler der Separatisten und bestreite eine aktive Beteiligung. Frankreich und Deutschland versuchten sich als Vermittler, wobei sich die Deutschen den Vorwurf gefallen lassen müssten, Partei auf ukrainischer Seite zu sein.

Richtige Übersetzung mit der falschen Szene

Die Einschätzungen Lichtes, den Ebert-Stiftung und Atlantische Gesellschaft eingeladen haben, speisen sich aus langjähriger Erfahrung als Russland-Korrespondent und regelmäßigen Ukraine-Abstechern. Was nicht vor Fehlern schützt. Aus dem Saal, in dem augenscheinlich viele Kundige des postsowjetischen Raumes sitzen, wird ihm vorgeworfen, dass in einem Beitrag aus der Ostukraine die Original-Aussage einer Frau und Übersetzung nicht übereinstimmten.

Lichte gibt das zu: Die Äußerung wäre in der falschen Szene eingeschnitten worden, Person und Zitat hätten jedoch gestimmt. Er zeigt sich hier so souverän wie den gesamten Abend über.

Mehrfach äußern Besucher den Vorwurf, Faschisten würden in Kiew das Zepter führen und die Maidan-Revolution sei ein Putsch gewesen - was deutsche Medien falsch dargestellt hätten. Bernhard Lichte hält dagegen: Es habe sich um den Aufstand gegen einen "spätstalinistischen Staat" gehandelt. Er räumt aber ein, dass für die Ukraine auch rechtsextreme Bataillone im Osten des Landes kämpfen. Die dortigen Verhältnisse charakterisiert der Korrespondent so: "Es herrscht eine kleine Minderheit, die andere mit Waffengewalt unterdrückt."

Die Ukraine-Politik des Westens und speziell die EU kommen bei Lichte nicht gut weg. Bei den Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine habe die EU Russland nicht mit einbezogen - entgegen dem ausdrücklichen Wunsch Moskaus. Und die Aussage des neuen Nato-Generalsekretärs Jens Stoltenberg, die Türen des Bündnisses seien für die Ukraine offen, hält er für "unverantwortlich".

Nun muss sich der Korrespondent den Anwurf gefallen lassen, moskautreu in Russlands Sinne zu argumentieren.

Lichte kontert: "Putin-Versteher hat für mich nichts Negatives. Wenn man jemanden versteht, ist das der erste Schritt zur Lösung."

Autonome Ostukraine könnte Lösung sein

Wie könnte diese für die Ukraine aussehen? Lichte öffnet ein kleines Fenster in Bezug auf Verhandlungen unter dem OSZE-Schirm. Die bedrängten Rebellen hätten signalisiert, dass sie im Staatsverband der Ukraine bleiben wollten. Würde dies über das auf Eis liegende Autonomiegesetz gesichert, wäre vielleicht eine Einigung möglich.

Doch bleibt das ein zähes Geschäft: Wie russische Agenturen melden, ist ein neuer Anlauf für Friedensgespräche der Ukraine-Kontaktgruppe in Minsk am gestrigen Freitag geplatzt.