Dresden/Magdeburg | Reiner Haseloff fühlt sich als halber Sachse. Das wird er an diesem Dienstagabend im herrschaftlichen Dresdner Schloss Eckberg immer wieder betonen. Vor den Unternehmern des sächsischen Industrieclubs spricht er von der Zeit, in der er sein Zimmer mit Dynamo-Paule teilte, einem eingefleischten Dynamo-Dresden-Fan.

Der Raum in der Gagarinstraße sei das gewesen, was man heute eine Studentenbude nennt. Die Betten waren übereinander, zwei Tische passten noch rein. "So haben wir versucht, die ersten Semester Physik rumzukriegen", sagt Haseloff, der in den Siebzigerjahren an der Technischen Universität der Stadt studierte. Seit 2011 ist Haseloff - mittlerweile promovierter Physiker - Ministerpräsident des sächsischen Nachbarlandes Sachsen-Anhalt.

Haseloff erzählt auch vom ersten Treffen mit seiner Frau Gabriele. Sogar den ersten Kuss. In Hoyerswerda sei das gewesen. "Das hat sich echt gemacht", sagt er. Damals habe er seine Frau auf kaltem Beton sitzend und von einer Neonlampe angestrahlt zum ersten Mal geküsst. Sachsen und Haseloff - das passt irgendwie.

Sachsen-Anhalt versus Sachsen

Nun sitzt der Landesvater von Sachsen-Anhalt auf einem Stuhl und soll den Unternehmern aus Dresden erklären, warum Sachsen-Anhalt auch ganz gut ist: viel besser als sein Ruf. Ausgerechnet hier in Sachsen. Vor den Menschen, die aus dem ostdeutschen Flächenland den Musterknaben der Nation gemacht haben.

Seit Jahren fährt der Freistaat Haushaltsüberschüsse ein. Die Pro-Kopf-Verschuldung lag 2013 nur noch bei knapp über 2000 Euro, die von Sachsen-Anhalt bei etwas über 10.000 Euro. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt mit 24.226 Euro rund 1000 Euro höher als das von Sachsen-Anhalt. Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Haseloffs Bilanz sieht jedoch etwas anders aus. Sachsen und Sachsen-Anhalt hätten nach der Wende komplett unterschiedliche Startbedingungen gehabt. "Sachsen war kleinteiliger strukturiert. Bei uns wurde die komplette Chemieindustrie als Sondermüll abtransportiert", erklärt Haseloff. Mit einer Arbeitslosenquote bei 50 Prozent habe Sachsen-Anhalt die Aufholjagd beginnen müssen. "Das war eine Herausforderung", sagt der 60-Jährige.

Hohe Schuldenlast in Sachsen-Anhalt

Aber sein Land habe sich entwickelt. "Wir haben mehr Steuereinnahmen pro Einwohner als Sachsen und Thüringen", sagt er. Auch die Bruttowertschöpfung sowie die höheren Löhne gerechnet je Einwohner führt er als Argumente für den Aufstieg von Sachsen-Anhalt an. "Das hätte ich mir vor zwanzig Jahren nicht träumen lassen", sagt er zu "Zeit"-Redakteur Stefan Schirmer, der die Fragen stellt. Doch die öffentliche Wahrnehmung stimme nicht. "Das müssen wir auch kommunizieren. Alle ostdeutschen Länder sind jetzt auf Augenhöhe dabei und müssen gemeinsam ihre Interessen im Bund vertreten", sagt Haseloff.

Doch es gibt eine Sache, die Haseloff wirklich schmerzt: der Blick auf den Schuldenstand. Mit 20 Milliarden Euro steht Sachsen-Anhalt derzeit noch in der Kreide. Sachsen mit rund vier Milliarden. "Das ist eine echte Last. Da beneide ich Sachsen. Das ist ein Vorteil," so Haseloff. Auch Sachsen-Anhalt habe nun begonnen zu tilgen. Das sei auch notwendig, denn die Pro-Kopf-Verschuldung je Einwohner wachse angesichts des demografischen Wandels jeden Tag an. "Dieser Schwenk muss uns gelingen."

Harmonie mit Angela Merkel

Die Unternehmer, die Reiner Haseloff an diesem Abend zuhören, müssen den Eindruck bekommen, er führt ein starkes, erfolgreiches Land mit glänzenden Zukunftsaussichten. Haseloff ist schlagfertig, erzählt, warum er und Angela Merkel so gut harmonieren ("Wir ertappen uns immer wieder dabei, dass wir gleiche methodische Denkansätze haben."), und er teilt aus. Das starke Bruttosozialprodukt in Bayern oder Baden-Württemberg werde auch von Sachsen-Anhaltern erwirtschaftet. "Viele Menschen sind nach der Wende dorthin. Das war auch gut, sonst wären die in Sachsen-Anhalt arbeitslos geworden", sagt Haseloff. Das müsse doch eigentlich in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen.

Haseloff ist aber auch Realist. Über eine sehr lange Zeit, sagt er, werden Unterschiede zwischen West und Ost noch zu sehen sein. "Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und uns in Disziplin üben."