Volksstimme: Der Widerspruch des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich gegen Kanzlerin Angela Merkel in der Islam-Frage war ein Paukenschlag. Ist die innere Ordnung in der Union gestört?

Tino Sorge: Ich persönlich finde es gut, dass wir über diese Themen stärker debattieren, und habe kein Problem damit, wenn jemand mal anderer Meinung ist. Das liegt in der Natur einer großen Volkspartei und im Übrigen bricht dadurch das Abendland nun wirklich nicht zusammen. Wir sind momentan in einem Diskussionsprozess.

Wo steht dabei die Gruppe der 54 jungen CDU-Abgeordneten, die das Manifest "CDU2017" verfasst haben und zu der Sie gehören?

"CDU2017" steht letztlich als Begriff für eine Runde jüngerer Mandatsträger auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene, in der wir Zukunftsthemen - über die kommende Legislaturperiode nach 2017 hinaus - in den Blick nehmen. Die Frage der Einwanderung ist dabei nur ein Teilbereich, den wir diskutieren. Wichtig ist mir dabei, dass es uns als Land gelingt, auch zukünftig gerade für gut ausgebildete Zuwanderer, die Teil unserer Gemeinschaft werden möchten, attraktiv und weltoffen zu bleiben. Deshalb halte ich viel davon, dies im Rahmen eines Einwanderungsgesetzes im positiven Sinne, wie dies andere Länder, z.B. Australien, Kanada oder die USA, getan haben, zu regeln. Darüber hinaus gibt es in den Diskussionen zwischen uns, aber auch zwischen Jüngeren und Älteren durchaus einen unterschiedlichen Blick auf die Dinge. Das Thema Digitalisierung steht bei uns ganz oben auf der Agenda. Fragen, wie sich dadurch unser tägliches Kommunikationsverhalten verändert und insbesondere die Arbeitswelt revolutioniert wird. Stichworte wie Industrie 4.0 oder Big Data sind bereits jetzt allgegenwärtig. Das reicht beispielsweise von eigenständig miteinander kommunizierenden Systemen, computergestützten Assistenzsystemen im Gesundheits- und Pflegebereich bis zu selbstfahrenden Autos. Hier dürfen wir im internationalen Vergleich als Wirtschaftsnation nicht den Anschluss verlieren. Zusätzlich muss die CDU gerade im Feld der Bildungspolitik ihren Gestaltungsanspruch wieder stärker artikulieren. Auf Länderebene stellen wir als CDU derzeit nur noch zwei Bildungsminister, obwohl gerade in diesem Bereich die Grundlagen für Leistungs- und Innovationsfähigkeit nachwachsender Generationen gelegt werden.

Schließt die Modernisierung der Partei auch eine eventuelle Koalition von CDU und CSU mit den Grünen nach der nächsten Bundestagswahl ein?

Die hätte ich mir auf Bundesebene schon 2013 vorstellen können und halte sie auch 2017 für eine Option. Es gibt mit den Grünen einige Schnittmengen. Ich denke da beispielsweise an die Nutzung regenerativer Energieträger, nachhaltigen Umweltschutz oder in Fragen der Lebensmittelsicherheit. Auch bei einem strittigen Thema wie der Zuwanderung kann ich mir durchaus Lösungen vorstellen. Denn bei Fragen der Zuwanderung, d.h. dass wir weltoffen um Menschen werben wollen, die sich bei uns integrieren und Teil unserer Gemeinschaft werden möchten, sind wir gar nicht weit auseinander.

In der Union wird auch über eine mögliche Kooperation mit der Alternative für Deutschland diskutiert. Sehen Sie hier eine Koalitionsoption?

Das kann ich mir auf Bundesebene überhaupt nicht vorstellen. Die AfD ist gegen alles und jedes, so kann man nicht vernünftig regieren. Allerdings ist es verkehrt zu sagen: Mit denen reden wir überhaupt nicht. Als Union sollten wir die AfD nicht ignorieren, sondern sie bei konkreten Themen inhaltlich stellen.

Interview: Steffen Honig