Magdeburg l Oleksandr Obruch ist Doktorand an der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität. "In drei Jahren hoffe ich, den Doktotitel zu haben", sagt der Ukrainer. Der 25-Jährige hat in Kiew Schweißtechnik studiert und gleichzeitig Deutsch gelernt. Eine Doppelung, die durch eine ukrainisch-deutsche Fakultät möglich wird, die das Kiewer Polytechnische Institut im Universitätsrang und die Magdeburger Uni 2002 aus der Taufe gehoben haben.

Das klingt nach einer Bildungskooperation wie aus dem Bilderbuch, die Magdeburg seit DDR-Zeiten und darüber hinaus mit anderen ukrainischen Hochschulen pflegt. So gibt es in Donezk seit 1992 eine deutsche Technische Fakultät an der dortigen Uni.

Doch der Ukraine-Konflikt zeigt auch hier seine zersetzende Wirkung. Die Universität Donezk, heute eine Separatistenhochburg, ist zu einer Exil-Uni mutiert. Die Regierung in Kiew habe sie offiziell nach Krasnoarmijsk (deutsch: Stadt der Roten Armee) verlegt, berichtet Jens Strackeljan, Rektor der Guericke-Universität. Faktisch gekappt sind die direkten Beziehungen nach Donezk. Strackeljan erklärt: "Offizielle Beziehungen gibt es nicht mehr. Der Austausch von Wissenschaftlern und Studenten wird fortgesetzt."

Diplome von Separatisten nicht anerkannt

Hierbei gehe es auch um Flüchtlinge, die nicht immer die notwendigen Unterlagen vorweisen könnten. "Wir müssen da ein wenig flexibel und großzügig sein", meint der Rektor. Ein Diplom aus einer der neuen Separatisten-Republiken in der Ostukraine werde man jedenfalls nicht anerkennen. Oleksandr Obruch hat diese Probleme nicht: Er ist seit Jahren eingetaktet in den wissenschaftlichen Austausch. Sein Aufenthalt in Magdeburg finanziert sich aus Mitteln der Uni und staatlichen Förderprogrammen.

Obruch ist in der Stadt Konotop, Oblast Sumy (Verwaltungsbezirk), im Nordosten der Ukraine zu Hause. Dort sei es ruhig, weiß er von der Familie, mit der er ständig in Kontakt ist. Verwandtschaft in den neuen "Republiken" hat er nicht: "In der Heimat stöhnen sie vor allem über die Preise. Die haben sich verdoppelt, aber die Löhne sind gleichgeblieben."

Der Student wünscht sich eine geeinte Ukraine. Die Probleme müssten in Ruhe besprochen werden. Sie seien nicht durch Zerstörungen und vor allem "ohne Druck vom großen Nachbarn Russland" zu lösen, meint er.

Trennungsstrich zwischen Generationen in der Ukraine

Was denken die Ukrainer über ihre jetzige Regierung? Obruch zieht einen Trennungsstrich zwischen den Generationen: "Die Leute, die die Sowjetzeit erlebt haben, sagen oft, dass früher alles gut gewesen wäre, Brot, Wurst und Wodka seien billig gewesen. Nun habe die Regierung das Land an die USA verkauft. Die jüngeren Leute halten dagegen, dass die Sowjetunion ein totalitärer Staat ohne freie Meinungen und Reisefreiheit gewesen sei."

Obruch zählt sich zu letzterer Gruppe und argumentiert: "Sicher ist die Situation durch 25 Jahre Korruption und den Krieg schwierig, aber wenn wir nach Europa wollen, müssen wir durch eine schwere Zeit, vielleicht zehn Jahre lang."

Er selbst habe immer vorgehabt, in die Ukraine zurückzugehen, seine Kenntnisse für ein ukrainisch-deutsches Unternehmen zu nutzen. Doch angesichts der Geschehnisse des vergangenen Jahres hat er seine Meinung geändert: "Ich sehe leider im Moment keine Perspektive in der Ukraine."

Der Magdeburger Rektor kann durchaus verstehen, dass der Weg zurück in ein vom Krieg zerrissenes Land schwerfällt. Wenn mancher Absolvent hierbleibe, könne dies aber auch helfen, die angespannte Fachkräftesituation in Sachsen-Anhalt zu entkrampfen.

Rektor Strackeljan sieht aber noch eine andere Aufgabe für seine Bildunsgeinrichtung: "Im Hörsaal russische und ukrainische Studierende zu vereinen ist das, was wir als Universität leisten können."

Die veränderten Bedingungen befördern indes neue Formen der Hochschul-Zusammenarbeit: Wie Strackeljan berichtet, soll im kommenden Jahr eine neue Stufe der universitären Ost-Kooperation gezündet werden: Trinational zwischen Magdeburg, Kiew und Wroclaw in Polen. Ein klares Signal, die Magdeburger Ostkompetenz zu stärken. Strackeljan, selbst Ehrendoktor des Kiewer Institutes, erklärt: "Wir sehen uns weiter als Brücke nach Osteuropa."

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