Istanbul I Sein Name ist ein Mythos: Mustafa Kemal Atatürk. Sein Aufstieg zum Vater der Türken ist untrennbar mit der kleinen Halbinsel Gallipoli im Nordosten der heutigen Türkei verbunden. Als 34-Jähriger übernahm Atatürk - damals noch schlicht Mustafa Kemal - die Leitung einer Reserveeinheit. In Konstantinopel wollte man den Heißsporn dadurch vermutlich loswerden. Doch es kam anders. Gallipoli wurde zum Schauplatz einer historischen Schlacht.

Gallipoli ist ein Gründungsmythos der modernen Türkei. Doch nicht nur dort. Dass zum heutigen Gedenktag der britische Thronfolger Charles persönlich erwartet wird, zeigt die Bedeutung des Ereignisses. In Australien, Neuseeland und Tonga ist der 25. April sogar nationaler Gedenktag. Doch was passierte vor 100 Jahren auf der nur 65 Kilometer langen Halbinsel entlang der Dardanellen?

Im November 1914 trat das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg ein. Gegner war damit auch das russische Zarenreich, dessen Schwarzmeer-Flotte durch die osmanisch kontrollierten Dardanellen und den Bosporus nun von der Außenwelt abgeschnitten war. Deshalb entschieden sich die mit Russland verbündeten Briten und Franzosen, den Seeweg militärisch erobern zu wollen.

Man erwartete einen kurzen Kampf. Doch das osmanische Militär machte seine zahlenmäßige Unterlegenheit durch Glück, Taktik und Ortskenntnisse mehr als wett. Nachdem die Angriffe von See durch die Entente-Mächte erfolglos blieben, folgte am 25. April 1915 die Invasion an Land. Australische und neuseeländische Einheiten (die sogenannte ANZAC) leiteten den Angriff. Es war das erste Mal, dass Soldaten dieser jungen Nationen in einen Krieg eingriffen.

Doch auch an Land gab es keinen schnellen Erfolg. Es entwickelte sich ein tödlicher Stellungskampf, bei dem die Gräben zum Teil nur zehn Meter auseinanderlagen. Im August 1915 wurde gar eine Waffenruhe eingelegt, um auf beiden Seiten die Gefallenen beerdingen zu können. Besonders Mustafa Kemal tat sich in Kriegstaktik und Motivation hervor. Seinen Mannen rief er Sätze wie Todesurteile zu: "Ich befehle euch nicht den Angriff, ich befehle euch zu sterben" oder "Eure Mütter haben euch nur für diesen Tag geboren". Sie hörten auf ihn.

Bis Januar 1916 gab es mehr als 100 000 Tote und 250 000 Verletzte auf allen Seiten. Irgendwann schließlich konnten und wollten die Entente-Mächte das sinnlose Gemetzel nicht mehr hinnehmen und zogen sich zurück. Der britische Kriegsminister Winston Churchill musste zuvor schon sein Amt wegen der drohenden Niederlage abgeben und sagte später: "Gallipoli hat den Krieg um Jahre verlängert."

In Deutschland ist Gallipoli in Vergessenheit geraten. Andere verlustreiche und kriegsentscheidende Schlachten waren für das Deutsche Reich wichtiger und prägender. Und auch wenn keine offizielle Einheit des Deutschen Reiches vertreten war, ganz ohne ging es nicht. Der preußische General Otto Liman von Sanders leitete das osmanische Heer und war damit auch Atatürks Vorgesetzter. Zudem kämpften bis zu 600 Deutsche freiwillig in osmanischer Uniform. Darunter nach Angaben von Kriegsakten auch Dutzende aus dem heutigen Sachsen-Anhalt.

Klar ist: Schon wegen der handelnden Personen wie Atatürk und Churchill und der vielen Toten war Gallipoli eine außergewöhnliche Schlacht. Nicht wenige türkische Wissenschaftler glauben, dass Istanbul im Falle einer Niederlage heute eine russische Stadt wäre. Der Sieg der osmanischen Truppen ist tief ins Gedächtnis der Türkei eingegraben. Es ist ein deutliches Zeichen, dass die Türkei die Erinnerungsfeiern an den eigenen Sieg zeitgleich mit der Gedenkfeier an den Völkermord an den Armeniern angesetzt hat. Der Mythos Atatürk und der Erfolg von Gallipoli scheinen nach 100 Jahren wichtiger denn je.

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