Polizei bewacht den Eingang, der Saal der Magdeburger Stadtbibliothek ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Thema "Islamischer Staat" elektrisiert. Spiegel-Autor Christoph Reuter gehört zu den letzten westlichen Journalisten, die noch direkt aus Syrien und dem Nordirak berichten. Am Dienstagabend hat er in Magdeburg sein neues Buch über den IS präsentiert - und dabei viele Fragen der Zuhörer beantwortet. Reuter darüber, ...

... wie der IS so mächtig werden konnte: "Die USA haben im Irakkrieg die gesamte Führung ausgetauscht. Das war ein Fehler. Viele Geheimdienst-offiziere sind 2003 in den Untergrund gegangen, einige von ihnen bilden heute die Führungsspitze des IS."

... ob die IS-Anhänger mit der Scharia wirklich glücklich sind: "Das ist völlig irrelevant. Die IS-Führer wissen, wie man Herrschaft organisiert. Der IS ist ein Geheimdienststaat, der alle überwacht. Wenn man erstmal da ist und dann merkt, das ist ja doch alles anders als gedacht, ist es zu spät. Aussteigen kann man nicht mehr."

.... wie sich der IS finanziert: "Es gibt ausländische Geldgeber, aber die Hauptquelle ist die regelmäßige Auspressung von Untertanen. Der IS herrscht über fünf bis acht Millionen Menschen. Wer denen die Häuser wegnimmt und sie Monat für Monat erpresst - dessen Finanzquelle versiegt nicht, sondern sichert die Macht."

... welche Ziele der IS noch erobern will: "Das ist schwierig zu sagen. Bisher war der IS auf Expansion angelegt, aber wenn er weiter expandiert, schafft er sich auch mehr Gegner. Die IS-Führer sind Planer: Im Moment konsolidiert sich der IS und verwaltet die Gebiete in Syrien und im Irak. Für später steht dann Saudi-Arabien ganz oben auf der Liste."

... ob US-Bodentruppen den IS besiegen können: "Das wird nicht funktionieren. Man kann den IS zurückdrängen, ja. Aber was wäre die Folge? Eine enorme Solidarisierungswelle der Sunniten mit dem IS, die sagen würden: `Jetzt kommen die Ungläubigen.` Der IS würde zur Schutzmacht der Sunniten aufsteigen. Nur die eigenen Leute in Syrien und im Irak können dem IS ein Ende bereiten. Über Nordsyrien könnte der Westen eine Flugverbotszone durchsetzen, Assad müsste gestürzt werden. Solange der Präsident an der Macht ist, wird sich in Syrien nichts bewegen."

... ob es in Europa eine IS-Terrorgefahr gibt: "Terror ist nützlich, um bekannt zu werden. Andererseits hat er Folgen: Man wird sofort bombardiert. Die IS-Führung hält das im Moment nicht für nützlich. Aber in Europa zu glauben, dass der IS keine Terroranschläge verüben kann, wäre ein Fehler. Der innere Zirkel besteht aus Ingenieuren der Macht. Sie sind nüchtern und kalt."