Von Bernhard Sprengel

Für das strukturschwache Vorpommern könnte die neue Freizügigkeit für Arbeitnehmer eine Chance sein. Besonders die boomende Metropole Stettin könnte positive Auswirkungen auch jenseits der Grenze haben. Doch noch gibt es viele Hemmnisse.

Noch liegen viele Hürden auf dem Weg zu einem gemeinsamen deutsch-polnischen Arbeitsmarkt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor- schung (IAB) erwartet, dass im ersten Jahr 100000 Polen nach Deutschland einwandern. Das würde 4000 Zuwanderer für Mecklenburg-Vorpommern bedeuten, sagt der Leiter der Arbeitsagentur Pasewalk (Uecker-Randow-Kreis), Christian Justa. Dass viele Deutsche sich im nahen Stettin (Szczecin) nach einem Job umschauen, erwartet er dagegen nicht. "Deutsche nach Polen zu vermitteln, ist uns noch nie gelungen." Rechtlich möglich ist dies seit 2007. Die Hemmnisse seien vor allem das unterschiedliche Lohnniveau, fehlende Sprachkenntnisse und "mentale Hürden".

Deutsche, die in Polen arbeiteten, seien in der Regel für deutsche Firmen tätig und kehrten nach Abschluss des Auftrags wieder zurück. Wer in einem polnischen Unternehmen arbeiten wolle, müsse Polnisch können. Die dortigen Arbeitgeber rechneten jedoch gar nicht mit deutschen Bewerbern, sagte Justa, der selbst Polnisch spricht und die dortigen Stellenangebote kennt. Die polnischen Arbeitsmarktbehörden fragten die Anbieter stets, ob auch ein Ausländer für den Posten in Frage komme. "Ich habe noch nie ein Ja gesehen", sagt Justa. "Die Polen gehen immer davon aus, dass ¿die reichen Deutschen‘ bei ¿uns armen Polen‘ nicht arbeiten wollen."

Dabei scheint absehbar zu sein, dass sich das unterschiedliche Lohnniveau bald angleichen wird. "In der Metropolregion Stettin wächst es schneller als in Uecker-Randow." In den nächsten Jahren könnte sich das Verhältnis sogar umkehren, glaubt Justa. In einigen Fällen verdienten heute schon hochqualifizierte Fachkräfte in Stettin mehr als westlich der Oder.

Gewerkschaften befürchten, dass zunächst aber das Lohnniveau in einigen deutschen Branchen durch den Zustrom polnischer Arbeitskräfte sinken wird. Justa kann diese Befürchtung nicht ausräumen. Im Arbeitnehmerentsendegesetz sei zwar eine tarifliche Bezahlung vorgeschrieben, aber nicht, dass es ein deutscher Tarif sein müsse. Polnische und litauische Leiharbeitsfirmen, die dort "wie Pilze aus dem Boden schießen", könnten dies ausnutzen. "Sobald Arbeitnehmer darauf aufspringen, ist es so, wie die Gewerkschaften befürchten."

Die Angst, Polen könnten geringqualifizierten Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen, hält Justa dagegen für nicht gerechtfertigt. Er verweist auf den britischen Arbeitsmarkt, der sich 2004 für EU-Neumitglieder geöffnet hatte. "Da wurden britische Helfer auch nicht ausgetauscht gegen polnische." In der Regel fehlten Geringqualifizierten einfach die Sprachkenntnisse, um Einheimische zu verdrängen. Interesse an polnischen Arbeitskräften hätten gleichwohl schon Hotel- und Gastronomiebetriebe sowie Krankenhäuser bekundet.

Für arbeitslose Köche in der Woiwodschaft Westpommern könnte es eine Chance sein, sich als Pendler eine Stelle in Vorpommern zu suchen. Polnische Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen seien bereits Alltag in den Kliniken von Pasewalk und Schwedt.(dpa)