Der sich derzeit vollziehende Umbruch in den arabischen Staaten stellt die internationale Gemeinschaft vor eine noch nicht absehbare Herausforderung. Über Hintergründe und Folgen der Volksbewegungen sowie die Rolle der westlichen Länder sprach Steffen Honig mit dem in Magdeburg lebenden syrischen Autor Wahid Nader.

Volksstimme: Den Westen hat der Umbruch in Tunesien und Ägypten, der inzwischen auch Libyen und andere arabische Länder erfasst hat, kalt erwischt. Waren Sie ähnlich überrascht?

Wahid Nader: Die westlichen Regierungen, so auch die deutsche, waren völlig überrumpelt von den Aufständen. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Ob Kanzlerin Merkel oder Außenminister Westerwelle – sie haben keine Taktik und erst recht keine Strategie, einfach keinen Plan für den Umgang mit dieser Entwicklung. Es schien alles gut gefügt: Es wurden Geschäfte gemacht, die Regimes mit Geld und Waffen versorgt und vor den inneren Problemen die Augen verschlossen.

Mich als Araber hat vor allem die Schnelligkeit überrascht, mit der die Entwicklung vorangeschritten ist. Aber nach 50, 60 Jahren Diktatur in Arabien, der Armut trotz des Reichtums an Bodenschätzen, musste es dazu kommen.

Volksstimme: Warum?

Nader: Die arabischen Staaten verfügen über noch einen Reichtum: den an Jugend. Und dass sind keine ungebildeten Menschen mehr, wie noch in den 1950er und 1960er Jahren, als die Diktaturen sich etabliert haben. Damals hatten vielleicht 20 Prozent der Bevölkerung eine berufliche Ausbildung, heute sind es 80 Prozent, darunter viele Akademiker. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und sprengt nun den engen Rahmen der alten Herrschaftssysteme. Die Armut ist eine große Triebkraft und auch die Erfahrung von jahrzehntelanger Korruption und Vetternwirtschaft ruft Widerstand hervor.

"Die jungen Leute haben nichts mehr zu verlieren"

Die arabischen Staaten haben nach dem Zweiten Weltkrieg entweder eine kapitalistische, eng an den USA orientierte Entwicklung gewählt oder eine sozialistische Richtung beschritten. Von beiden Wegen, so die Erfahrung der Menschen, hatte das Volk nichts. Gerade die jungen Leute haben nun nichts mehr zu verlieren. Der Druck ist groß: Alle Regimes in der arabischen Welt werden sich ändern müssen.

Volksstimme: Ein geradezu vernichtendes Urteil …

Nader: Die meisten Araber haben tatsächlich jedes Vertrauen zu ihren Regierungssystemen verloren. Dazu kommt die ständige Demütigung. Es fehlt der Glauben, dass die Regimes etwas bewegen können – sowohl nach innen wie nach außen, wo sie sich ständig dem Willen der USA und Israels beugen. Ein Katalysator der Aufstände ist die Globalisierung.

Volksstimme: In welcher Hinsicht?

Nader: Ich meine die Globalisierung der Kommunikation, die hier ihre positive Wirkung entfaltet. Durch Handys, Internet oder transnationale Fernsehsender wie Al-Dschasira wissen die jungen Araber ganz genau, was in der Welt passiert. Sie sehen, welche Möglichkeiten die Jugendlichen in Europa oder den USA haben und kämpfen für ähnliche Chancen.

Die Araber eint dabei die gleiche Geschichte, die gleiche Kultur, die gleiche Sprache und gleiche Feindbilder: nach innen das Regime, nach außen Israel.

Volksstimme: Die israelische Regierung ist besorgt über die Verwerfungen bei den arabischen Nachbarn. Ist dies begründet?

Nader: Menschen jüdischen Glaubens gehören zum Nahen Osten wie Muslims und Christen und werden akzeptiert. Aber eine israelische Regierung wie die jetzige, äußerst konservative, die die Rechte der Palästinenser nicht anerkennt, sollte sich schon in Acht nehmen. Damit Israel letztlich in Frieden leben kann, muss das Palästinenserproblem endlich gelöst werden. Für die arabischen Diktatoren war der Konflikt mit Israel übrigens immer ein willkommenes Feigenblatt, um die restriktive Politik ihrer Regimes zu rechtfertigen.

Volksstimme: Europa fürchtet eine gewaltige Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Wird es Ihrer Meinung nach dazu kommen?

Nader: Es werden Flüchtlinge nach Europa aufbrechen, solange sich die Lage nicht stabilisiert hat. Die betroffenen Länder brauchen europäische Unterstützung beim Grenzschutz.

Volksstimme: Die arabische Welt ist nicht homogen. Während ein Gaddafi in Libyen auf sein eigens Volk schießen lässt, versucht der König in Bahrein einen Dialog mit der Opposition?

"Gaddafi wird sich nicht mehr lange halten"

Nader: Gaddafi wird sich nicht mehr lange halten. Aber er wird alles an Beziehungen und Waffen aufbieten, was er hat, um an der Macht zu bleiben.

Grundsätzlich gibt es einen Unterschied zwischen den arabischen Ländern in Nordafrika und im asiatischen Teil des Nahen Ostens. Dort leben im Gegensatz zu Nordafrika oft viele ethnische und religiöse Gruppen in einem Staat wie in Jordanien, Syrien oder dem Libanon. In den nordafrikanischen Ländern gibt es diesen Mix nicht mehr. Dieser Raum ist von der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams geprägt. Zwar gibt es die Stämme, aber das sind Bünde ohne eine politische Ausrichtung, hier geht es um den persönlichen Zusammenhalt wie in der Sippe oder der Familie.

Volksstimme: Wie sollten die Europäer Arabien helfen?

Nader: Europa muss einen Beitrag leisten, um das Palästinenserproblem zu lösen. Und die Menschen brauchen eine Perspektive. Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Revolution ist nötig, um beispielsweise die Geburtenrate zu senken.

Volksstimme: Wie könnte ein künftiges Staatsmodell in Arabien aussehen?

Nader: Revolution heißt nicht morgen Demokratie, das wird ein allmählicher Prozess sein. Ich denke, dass sich – ähnlich wie in der Türkei vor etwa 20 Jahren – die Macht zwischen Armee und Volk teilen wird. Das heißt, die Armee beschirmt eine Gesellschaft, die sich demokratische Regierungsorgane aufbaut. Das Militär sichert dabei nach außen den Staat. In Ägypten hat die Armee etwa in der ersten Fernseherklärung die Einhaltung der internationalen Verträge garantiert.

Volksstimme: Und ist die Korruption wirksam zu bekämpfen?

Nader: Auch hier kann Europa mit seinen Erfahrungen helfen. Es wird aber dauern, bis effektive Mechanismen gegen die Korruption geschaffen sind. Wichtig ist auch, dass die Medien sich so entwickeln, dass sie eine echte Kontrollfunktion ausüben können.

Volksstimme: Im politischen Raum wird dieses Jahrhundert oft als ein asiatisches apostrophiert. Erleben wir mittendrin nun ein arabisches Jahrzehnt?

Nader: Das könnte sein. Ich freue mich zunächst sehr darüber, dass sich die Menschen in Arabien endlich lautstark zu Wort melden. Die verkrusteten Gesellschaften brechen auf. Das ist wichtig, auch wenn wir die Früchte der Revolution nicht schon morgen werden ernten können.