Muammar al-Gaddafi führt derzeit seine wohl letzte Schlacht – die gegen sein eigenes Volk. Sicher konnte sich der Despot in seinen über 40 Jahren an der Macht aber nie fühlen. Mehrfach gab es Versuche, ihn zu beseitigen. Mit Rückwirkungen sogar auf die damalige DDR: Zwei Spitzenpolitiker kamen 1978 auf mysteriöse Weise in Libyen ums Leben.

Von Steffen Honig

Die wenigsten Magdeburger, die vor der Wende 1989 im Wohngebiet Neustädter See über den damaligen Paul-Markowski-Platz (heute Neustädter Platz) schritten, werden sich tiefere Gedanken über den Namensgeber gemacht haben. Paul Markowski war Abteilungsleiter für Internationale Verbindungen beim ZK der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gewesen, bis er auf tragische Weise ums Leben kam.

Im März 1978 begleitete Markowski das SED-Politbüromitglied Werner Lamberz auf einer Reise nach Libyen. Lamberz stand in der SED-Hierarchie weit oben, er wurde als Kronprinz von Staats- und Parteichef Erich Honecker eingestuft.

Die "Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Jamahirija", wie Oberst Muammar al-Gaddafi das Land nach seinem erfolgreichen Staatsstreich 1969 getauft hatte, war für die DDR ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Partner. Gaddafis Wüstenstaat fuhr einen antikapitalistischen Kurs und stellte als Ölproduzent eine Macht dar. Lamberz, Markowski sowie der Dolmetscher Armin Ernst und Hans-Joachim Spremberg, Fotograf der DDR-Nachrichtenagentur ADN, waren am 4. März nach Tripolis gereist und am selben Tag mit einem Hubschrauber des französischen Typs "Super Freion" weiter in Gaddafis Hauptquartier in der libyschen Wüste weitergeflogen. Besprochen wurden Wirtschaftsprojekte.

Den Rückflug überlebten die vier Besucher aus der DDR nicht. Der Hubschrauber stürzte ab, alle 14 Insassen wurden getötet. Die Katastrophe wurde nie aufgeklärt. Angeblich soll sich ein Rotorblatt gelöst und den Absturz verursacht haben.

Hartnäckig hält sich aber die Version, dass es sich bei dem Unglück eigentlich um einen geplanten Anschlag einheimischer Gaddafi-Gegner auf den Revolutionsführer gehandelt hatte. Nur saß eben nicht der Oberst im Hubschrauber, sondern sein Besuch aus der DDR. Für diese Attentats-Variante sprechen Gerüchte, dass Gaddafi nach der Helikopter-Explosion gründlich in der libyschen Armeeführung aufräumte und die Schlüsselpositionen mit ihm treu ergebenen Militärs besetzte.

Die DDR aber hatte zwei Spitzenfunktionäre verloren und ehrte sie fortan als Namenspaten – wie im beschriebenen Fall des Magdeburger Markowski-Platzes.

Feinde hatte Gaddafi aber nicht nur im eigenen Land. Zähneknirschend hatten 1970 die USA die Schließung ihrer Wheelus Air Force Base und Großbritannien seines Stützpunktes El Adem durch die libysche Führung hinnehmen müssen.

Gaddafis Unterstützung des internationalen Terrorismus rief schließlich die CIA auf den Plan. Wie US-Autor Tim Weiner in seinem Buch "CIA. Die ganze Geschichte" schreibt, wurde der Geheimdienst 1981 angewiesen, "etwas gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi zu unternehmen, der radikalen Bewegungen überall in Europa und in Afrika als Waffenlieferant diente". Es gelang der CIA jedoch nicht, Gaddafi zu stürzen.

Im April 1986 starben bei einem Anschlag auf die West-Berliner Discothek "La Belle" drei Menschen, rund 200 Besucher wurden verletzt. Für US-Präsident Ronald Reagan war Gaddafi für den Anschlag verantwortlich und er ließ Tripolis und Bengasi bombardieren.

Im Dezember 1988 schließlich explodierte ein Flugzeug der US-Gesellschaft Pan Am über dem schottischen Lockerbie. 270 Menschen wurden getötet. Verurteilt für das Attentat wurde 2001 der inzwischen begnadigte Libyer Abdel al-Megrahi. Libyen hatte 2003 auch formell die Schuld übernommen und Entschädigungszahlungen zugestimmt. Im selben Jahr verkündete Gaddafi den Verzicht Libyens auf Massenvernichtungswaffen. Damit war die Isolation durchbrochen, fortan normalisierte der Westen seine Beziehungen zu Libyen.

Gaddafi gewann sogar einen besonderen Freund in Europa: Italiens Premier Silvio Berlusconi. Das wird ihm nun angesichts des Aufstandes der Libyer auch nicht viel helfen.

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