Von Gerald Semkat

Peer Steinbrück hat ein dickes Buch geschrieben. Es hat 480 Seiten. Es heißt "Unterm Strich", ist keine schöngeistige Literatur, aber über lange Strecken spannend und erhellend. Wer diesen bei Hoffmann und Campe verlegten Band zur Hand nimmt, erinnert sich beim Lesen zuweilen daran, wie munter der Autor doch spricht und wie packend er zu erklären vermag.

So wie am Montagnachmittag. Da war der Bundesfinanzminister a. D. Gast der Friedrich-Ebert-Stiftung, um einem vielköpfigen Publikum im Magdeburger Martim-Hotel zu erzählen, was er da aufgeschrieben hat – selbst geschrieben, und zwar "Zeile für Zeile", wie er coram publico aus seinem Vorwort zitiert.

Im von Helmut Herdt, Sprecher des Managerkreises Ost der Stiftung und Sprecher der Geschäftsführung der Städtischen Werke Magdeburg, moderierten Podiumsgespräch versucht der Sozialdemokrat Steinbrück, zum einen die Weltfinanzkrise (Finanzkrise, Konjunkturkrise, Fiskalkrise, angegriffene Nationalstaaten) zu analysieren. Er beschreibt zum anderen die Veränderungen der wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse in der Welt, zeigt auf die Schwächen unseres Landes und unseres Kontinents, ohne dabei die Stärken auszublenden.

Obendrein fordert er sein Publikum auf, sich anzustrengen, damit von der "Kulturleistung Sozialstaat" in den Stürmen dieser Zeit nicht nur Staub bleibt. Dass ein Politiker Anstrengungen fordert, ist ungewöhnlich. Diese Spezies zieht es des Wählers Stimme wegen eher vor, Entlastungen zu versprechen; das verheißt wenigstens Gemütlichkeit. Doch dafür ist gar keine Zeit.

"Der Wohlstand der Welt wird neu verteilt", sagt Steinbrück und "wir werden uns anstrengen müssen.". Die atlantisch-europäischen Länder seien nicht mehr allein dominant in Fragen von globaler Bedeutung, sagt Steinbrück. So sei es seit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus gewesen. Heute bringen Länder wie China, Indien, Brasilien, Südkorea, Südafrika ein immer größeres Gewicht ein. "Sie wollen in die Sessel, in denen wir schon sitzen." Sie sagen: "Nie wieder werdet ihr über Problemlösungen allein entscheiden..

Steinbrück spricht von drei Schüben, in der sich die Welt verändert hat. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre habe China unter Deng Xiaoping Reformen begonnen. Heute decke China das enorme Leistungsdefizit der USA und sei zur Exportnation aufgestiegen. China und die USA – der amerikanische Turbokapitalismus lebe in "einer Symbiose mit einem staatskapitalischen System mit kommunistischem Überbau".

Der zweite Schub habe sich mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums vollzogen.

Mit dem dritten Schub, dem Siegszug moderner Informations- und Kommunikationstechnologien, wirken finanz- und wirtschaftspolitische Entscheidungen in fernen Ländern in Echtzeit und unmittelbar. Zudem habe sich das gehandelte Finanzvolumen von der realen Wirtschaft abgekoppelt. "Dieser Prozess ist nicht umkehrbar", sagt Steinbrück. Die Frage sei, wie wir uns darauf einstellen, wie wir es verstehen, damit umzugehen. "Als exportorientiertes Land kann Deutschland nicht einfach die Rollos runterlassen", meint der Politiker.

Im Buch geht er ausführlich auf die Rolle von Bildung und Qualifizierung für Zukunftschancen des Einzelnen und der Landes ein. Und er beleuchtet Zusammenhänge von Produktivitäts- und Lohnsteigerung sowie Binnennachfrage. Auf dem Podium richtet er fast schon locker plaudernd die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf das dritte der acht Kapitel des Buches. Es befasst sich mit Ursachen, Wirkungen und Ausmaßen der Finanzkrise sowie mit – wie es im Buch heißt – "Verkehrsregeln für die Finanzmärkte".

"Warum habt ihr die Banken mit vielen Milliarden Euro gerettet, statt sie pleitegehen zu lassen?", fragen noch heute viele, die erleben, dass beispielsweise 200 000 Euro zur Sanierung einer Schule fehlen. Steinbrück wendet sich an seine Zuhörer. "Jeder, der hier sitzt, hat ein Interesse daran, dass das Arteriensystem nicht kollabiert", sagt er und erläutert, dass mit der Rettung der Banken auch Altersrenten und Versicherungen sowie kommunale Rücklagen gerettet worden sind. Und Jobs, denn Unternehmen hätten sich bei einem Bankenzusammenbruch nicht mehr refinanzieren können und Tausende Beschäftigte entlassen müssen. Das erläutert Steinbrück und stellt fest, dass als politische Konsequenz aus der Krise "mehr geschehen ist, als wir glauben. Aber nicht hinreichend genug, um so eine Krise zu verhindern."

Unterm Strich hat sich dieser Nachmittag gelohnt – wohl auch für Steinbrück, der für sein Buch gute Werbung gemacht hat.