Von Steffen Honig

Die arabischen Revolutionen melden sind nach Wochen endgültig bei uns angekommen – an der Tankstelle. Stöhnend müssen vor allem die Scharen der Berufspendler, die von ihrem Automobil abhängig sind, Preise jenseits von 1,50 Euro blechen.

Wer ist schuld? Sofort wird auf die aufmüpfigen Araber, die sich plötzlich gegen ihre Potentaten stellen, mit Fingern gezeigt. Weil die unkalkulierbaren Proteste letztlich die Händler an den Öl-Märkten so verunsicherten, dass die Preise explodierten. Und gegen nervöse Märkte, das ist bekannt, sind Erdbeben-Seismografen geradezu träge. Die Bundesregierung sieht die Gründe für den Ölpreis-Schock auch in der verbesserten Weltkonjunktur sowie dem Euro-Dollar-Kurs.

Gerechnet wird an sämtlichen Märkten dieser Welt übrigens mit Zahlen, die ihren Ursprung im muslimisch-arabischen Raum haben. Eine gewaltige Kulturleistung des Altertums, ohne die wir uns womöglich noch immer mit den Ungetümen römischer Zahlenangaben plagen müssten.

Daneben treiben aber hausgemachte Probleme den Benzinpreis in Deutschland nach oben: Die neue Öko-Spritsorte E 10 ist zwar dünner, aber ebenso teuer wie der handelsübliche Super-Kraftstoff. Der kostet jetzt einfach ein paar Cent mehr. Eine verkappte Preiserhöhung, für die rebellierende Jugendliche im Nahen Osten nun wahrlich nichts können.

Ansonsten werden die Aufstände und Proteste im ölreichen Arabien ihre gravierenden Auswirkungen auf die Weltwirtschaft erst noch richtig entfalten. Eine Ölkrise ist nicht ausgeschlossen. Aber anders als bei bisherigen drastischen Engpässen könnte dazu nicht das Diktat der Scheichs, sondern ihr Sturz führen, weil dadurch Ölländer ins Chaos abgleiten könnten.

Bundespräsident Christian Wulff bemerkte am Wochenende in Kuwait sehr zu Recht, dass wir es bei den Umwälzungen in der arabischen Welt mit einer "Zeitenwende" zu tun haben.

Das Signal der rasanten Umbrüche in den zumeist republikanisch verfassten Aufstands-Ländern Nordafrikas haben längst die reichen Monarchen am Persischen Golf verstanden.

Zuallererst wohl von Herrschern wie Hamad bin Khaifa Al Thani, dem Emir von Katar. Von ihm 1996 gegründet, sendet der Nachrichtenkanal Al-Dschasira, der zum Katalysator und Schaufenster der arabischen Revolution geworden ist, aus Katars Hauptstadt Doha. Vielleicht ist es auch deshalb bisher in Katar ruhig geblieben.

Auch Kuwait versucht seit Jahren, mit sanften Reformen eine gefestigte konstitutionelle Monarchie aufzubauen, was Aufwallungen der Bevölkerung nicht ausschließt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate nehmen sich gegen andere Nahost-Staaten gar derzeit wie ein Hort der Stabilität aus.

Dagegen gerät das autoritäre Regime von Sultan Kabus im südlichen Nachbarstaat Oman zunehmend unter Druck. Jetzt rächt sich, dass Kabus das Land zwar in 40 Jahren aus dem Mittelalter in die Neuzeit geführt hat, aber ohne auch nur den Ansatz von demokratischen Verhältnissen zuzulassen.

In Bahrain schien der König schon kurz davor zu stehen, von seinem Volk hinweggefegt zu werden. Doch Hamad ibn Isa Al Chalifa schwenkte gerade noch rechtzeitig auf einen Dialog-Kurs mit der Opposition um, ließ politische Gefangene frei. Sein Thron scheint damit vorerst gerettet.

Die entscheidende Rolle auf der Halbinsel aber spielt Saudi-Arabien, engster Verbündeter der USA und des Westens und größte Ölmacht. Dort versucht der greise König Abdullah, seine Landsleute einfach zu kaufen. Um Proteste zu ersticken, will der König jeden Arbeitslosen ein Jahr lang finanziell unterstützen. Trotzdem wurde in Saudi-Arabien, dem konservativsten Land Arabiens, für den 18. März zu einem "Tag des Zorns" aufgerufen.

Die Araber kämpfen um billiges Brot und mehr Freiheit, die Deutschen bangen um den Spritpreis. Das macht auch das Wohlstandsgefälle zwischen dem Nahen Osten und Mitteleuropa deutlich. Es wird Jahrzehnte dauern, es – wenn überhaupt – zu nivellieren. Der Anfang aber ist gemacht.

 

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