Von Basil Wegener

Tschernobyl und Fukushima verändern die Welt", sagt Hartmuth Teske, Abteilungsleiter der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, gestern in der Anhörung des Umweltausschusses des Bundestages. Doch was kann man 25 Jahre nach der Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl lernen oder für die Jahre nach der mehrfachen Reaktorkern-Zerstörung von Fukushima zumindest ahnen? Wie stark strahlt Fukushima?

Die Katastrophen sind unterschiedlich. So schleuderten die Flammen der brennenden Graphitblöcke von Tschernobyl radioaktives Material zehn Tage lang bis zu 1000 Meter in die Luft. Experten vergleichen Fukushima eher mit einem anhaltenden atomaren Schwelbrand. Doch die Freisetzung von Radioaktivität hat auch in Japan enorme Dimensionen angenommen. Aus einigen Orten 40 Kilometer von Fukushima Eins entfernt sollen die Bewohner binnen einen Monats umgesiedelt werden. Die Evakuierungszone könnte für die nächsten 20 Jahre unbewohnbar bleiben, sagt Ministerpräsident Naoto Kan.

Der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder kritisiert: "Der Informationsfluss aus Japan war miserabel. Die Sowjets haben ihr Problem zügiger behandelt als es die Japaner heute tun." Seiner Meinung nach müssten Strahlenwerte konsequenter auch weiter weg von den Unglücksreaktoren gemessen und Evakuierungspläne generalstabsmäßig aufgestellt werden. Hier versage auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO). Angelika Claußen von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW fordert, die IAEO beim Kampf der Weltgemeinschaft gegen Strahlengefahren zu entmachten.

Was muss als nächstes geschehen? Als dringendste Maßnahme müsse ein geschlossener Kühlkreislauf geschaffen werden, so dass verstrahltes Wasser nicht nach außen dringt, erläutert Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie. Und wie soll man im Inneren des Kraftwerks das Schlimmste eindämmen? "Da darf ich keinen hinschicken, da muss ich mit dem Roboter hin." Ein Angebot aus Karlsruhe habe Betreiber Tepco abgelehnt.

Und dann müsse die Ruine gegen weitere mögliche Tsunamis mit hohen Schutzwällen geschützt werden. Auch ein Endlager für den tonnenweisen strahlenden Müll muss es laut Experten geben – eventuell auch einen Sarkophag wie in Tschernobyl.

Niemand sollte glauben, die Folgen und ein Ende der Katas- trophe schon jetzt genau vorhersagen zu können – so viel wird bei den Berichten der Betroffenen aus der Ukraine und Weißrussland deutlich. Die Studien über die Tschernobyl-Opfer nennen sehr unterschiedliche Zahlen (siehe Beitrag oben). Die Bevölkerung wisse auch 25 Jahre danach noch nicht, wie groß die Strahlengefahr ist. "Die Einschätzung der Situation ist im Moment nicht umfassend genug", sagt der ukrainische Abgeordnete Wolodimir Usatenko. Tatiana Novikova, Umweltaktivistin in Weißrussland, klagt: "Die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl werden verschwiegen." Eindringlich fordert Novikova Einflussnahme auf Weißrussland, so dass es auf den geplanten Bau eines neuen Atomkraftwerks mit russischer Hilfe verzichtet.

Auch die Ukraine selbst setzt bislang weiter auf Atomkraft. Zwei neue Reaktoren seien geplant, sagt Botschafterin Natalia Zarudna. Angesichts von Fukushima könne zwar nicht gesagt werden, was daraus werde. Aber: "Kernenergie ist die preiswerteste Energieart in der Ukraine."(dpa)