Von Dimiter Muftieff

Auch noch Jahre nach ihrer Freilassung fällt es Kristiana Waltschewa schwer, Genugtuung zu empfinden. Acht Jahre lang wurde sie in libyschen Gefängnissen geschlagen und gefoltert. Man hat sie mit Stromschlägen gequält und Hunde auf sie gehetzt, um ein Geständnis zu erpressen für ein Verbrechen, das sie niemals begangen hat. Libysche Richter hatten sie und vier weitere bulgarische Mediziner zum Tode verurteilt, nachdem sie es als erwiesen ansahen, dass sie 400 Kinder in einem Krankenhaus in Bengasi vorsätzlich mit dem HIV-Virus angesteckt hatten.

"Das Gaddafi-Regime ist verantwortlich für die HIV-Epidemie in Bengasi", erklärte nun Libyens Ex-Justizminister Mustafa Abdel-Jalil im Fernsehsender Al-Dschasira nach seinem Rücktritt am Montag. Er bezeichnete den Vorfall als eine der schlimmsten Gräueltaten der libyschen Behörden und verurteilte, wie libysche Gerichte instrumentalisiert worden seien, um das Regime zu stützen.

Internationale Experten hatten die Vorwürfe gegen die Krankenschwestern stets als absurd zurückgewiesen und mehrfach belegt, dass die Aids-Epidemie in Libyen bereits vor ihrer Ankunft ausgebrochen war. Sie hatten die Infektionen der Kinder auf die katastrophalen Zustände im Krankenhaus zurückgeführt. Doch genau dies wollte Gaddafi vertuschen, indem er die Epidemie als ausländischen Angriff gegen das Regime wertete. Die bulgarischen Krankenschwestern hatten dafür als Sündenböcke herhalten müssen.

"Als ich die Nachricht hörte, fühlte ich einen kurzen Moment der Freude und danach nichts", erzählt der Arzt Zdravko Georgiev, der zusammen mit seiner Frau Kristiana und vier weiteren Krankenschwestern im Todestrakt acht Jahre auf seine Hinrichtung gewartet hatte. "Jeder normale Mensch wusste, dass dies ein politischer Scheinprozess war. Dass wir zu so einer Tat niemals in der Lage gewesen wären."

"Der ganze Prozess war von Anfang bis Ende inszeniert", bestätigt Georgi Gatev, einer der Anwälte, der den bulgarischen Angeklagten in Libyen jahrelang zur Seite gestanden hatte. "Das Ganze war eine reine Farce und letztendlich ein Akt der Erpressung."

Bis zuletzt hatten libysche Richter auf die Schuld der Bulgarinnen gepocht. Erst nach dem EU-Beitritt Bulgariens 2007 erklärte sich Gaddafi zu Verhandlungen bereit. Bulgarien hatte vehement die Unterstützung Brüssels gefordert. So kam es 2007 zu einem bis heute umstrittenen Deal, bei dem Frankreich, Bulgarien und andere EU-Staaten mehrere hundert Millionen Euro für die Freilassung der Krankenschwestern an Libyen zahlten.

"Die Rettung der Krankenschwestern hat Bulgarien 130 Millionen US-Dollar gekostet", sagte Premier Bojko Borisow im bulgarischen Fernsehen. "Gaddafi hat uns buchstäblich be-raubt", meinte er und bezeichnete den Deal als eine "im 21. Jahrhundert präzedenzlose Erpressungstat".

Für den Arzt Zdrawko Georgiew und seine Frau Kristiana ändern die Worte der Politiker nichts. Weder das späte Eingeständnis von Libyens Ex-Justizminister Abdel-Jalil noch die Anklage Borisows könnten wiedergutmachen, was sie und ihre Kollegen in Libyen erleiden mussten. Heute zählt für sie nur noch eines: dass sie noch am Leben sind. "Ich danke Gott, dass wir wieder zu Hause sind", sagt Kristiana Waltschewa. "Wären wir jetzt in Libyen, hätten sie uns einfach kaltgemacht."(n-ost)