Von Tina Heinz

Von einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie den Menschen in Japan nach dem Erdbeben und dem Tsunami ihre Anteilnahme übermittelte. "In dieser Lage ist es unverzichtbar, dass wir den Menschen in Japan zeigen: Sie sind nicht allein." Die Kanzlerin rief zum Spenden auf und versprach Hilfe. Doch wie soll diese Hilfe aussehen?

Ungeachtet des Ausgangs der atomaren Katastrophe wird das Land der aufgehenden Sonne noch sehr lange unter den Folgen des Tsunamis leiden. Das Erdbeben – in Japan fast schon zum Alltag gehörend – hatte keine so verheerenden Schäden verursacht, wie die darauffolgende Riesenwelle. Diese hat die Nation in einen lähmungsartigen Schockzustand versetzt.

Trotz aller Hindernisse haben gemeinnützige Organisationen bislang gute Arbeit geleistet. Sie konnten zahlreiche, durch das Unglück getrennte Familien wieder vereinen, haben die Betroffenen in Notbehausungen untergebracht sowie mit Essen, sauberem Wasser und medizinisch versorgt.

In einem nächsten Schritt müssen Schutt und Trümmer beseitigt und die Infrastruktur wieder hergestellt werden. Denn ohne funktionierende Infrastruktur und ohne gut durchdachte Organisation würde die Unterstützung aus dem Ausland im Sand verlaufen. Freiwillige und Hilfsgüter würden die ohnehin kaum vorhandenen Transportwege verstopfen und wären auf diese Weise Zeitverschwendung statt wohlgemeinte Unterstützung.Der beste Beitrag, der geleistet werden kann, ist – so banal es klingen mag – finanzielles Engagement.

Denn das ostasiatische Land befindet sich ökonomisch gesehen an einem Tiefpunkt. Die Staatsverschuldung beträgt 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre schwelt die Wirtschaftskrise, die trotz diverser Konjunkturprogramme nicht eingedämmt werden konnte.

Zwar ist das Land der aufgehenden Sonne eine wohlhabende, industriell hoch entwickelte Nation, die im Umgang mit Katastrophen bereits viel Erfahrung sammeln musste. Aber dieses Desaster verbunden mit der Wirtschaftskrise kann der japanische Staat nicht allein stemmen. Nippon wird nicht umhinkommen, sich noch stärker zu verschulden.

Noch fatalere Ausmaße würde diese Katastrophe im Falle einer Kernschmelze annehmen. Denn im Unterschied zu dem in den vergangenen Tagen oft zum Vergleich herangezogenen Tschernobyl hätte eine großflächige Freisetzung radioaktiven Materials weitreichendere Konsequenzen als bei dem Unglück 1986. Das Gebiet in der damaligen Sowjetunion war recht dünn besiedelt. Anders sieht es im Großraum Tokio aus. Die mehr als 35 Millionen Bewohner müssten evakuiert werden – ein logistisch unmögliches Unterfangen. Zudem würde dies verhängnisvolle wirtschaftliche Defizite nach sich ziehen, da im Tokioter Großraum etwa 20 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung erbracht werden.

In dieser Situation sind die von Angela Merkel geforderten Spenden die beste Möglichkeit, der japanischen Bevölkerung unter die Arme zu greifen. Seriöse Organisationen, die das Geld verwalten, sind hier ebenso gefragt, wie die großen Unternehmen. Sie sind schließlich im Besitz der notwendigen Finanzen – im Gegensatz zum Staat.

Bei aller Bemühung um Unterstützung – egal, ob in medizinischer, materieller oder finanzieller Hinsicht – darf eins jedoch nicht vergessen werden: Es geht um eine japanische Katastrophe, die eine japanische Wiedererrichtung nach sich ziehen muss. Von den Aufräumarbeiten, über die Entstehung diverser Aufbau-Projekte bis hin zur Entwicklung neuer katastrophensicherer Standards – all das muss in japanischer Hand bleiben, weil es für die traditionelle Identität des Landes ausschlaggebend ist. Besserwisserische Ratschläge sind hier fehl am Platz.

Die Japaner haben sich über viele Jahrhunderte eine Lebensart angeeignet, die es ihnen ermöglicht, in Stille und Demut die Launen der Natur zu ertragen. Mit starrer Disziplin fangen sie nach jedem Erdbeben, jedem Taifun von Neuem an und vergessen die schrecklichen Ereignisse. Zumindest wahren sie diesen Schein nach außen.