Von Hanns-Jochen Kaffsack

Medienvertreter aus aller Welt waren angereist, aber sie kamen nicht auf ihre Kosten: Der erste Tag im "Prozess des Jahres" um Pikantes aus dem Leben des Silvio Berlusconi dauerte gerade einmal fünf Minuten. Die Anklagebank im größten Saal des Mailänder Justizpalastes blieb leer, der italienische Regierungschef war "dienstlich" verhindert. Auch das marokkanische Escortgirl "Ruby" ließ sich nicht blicken. Erst am 31. Mai geht es weiter im Prozess um Berlusconis angeblichen Amtsmissbrauch und Sex mit minderjährigen Prostituierten.

Statt um wilde "Bunga-Bunga"-Partys in der Villa des Cavaliere bei Mailand ging es zum Auftakt des Prozesses um Formalien. Paola Boccardi, die Anwältin der heute 18-jährigen "Ruby", wartete aber mit einer Überraschung auf: Sie wird nun doch nicht als Zivilklägerin gegen den 74-Jährigen auftreten, denn sie habe niemals Sex mit ihm gehabt. "Und sie hat auch immer gesagt, dass sie sich nie prostituiert hat." Bei den Partys mitgemacht zu haben, soll für "Ruby" nicht von Schaden gewesen sein. Angeblich wurde sie mit Geschenken nur so überhäuft.

Also hat der skandalumwitterte Berlusconi, der derzeit immerhin in vier Gerichtsverfahren steckt, sofort wieder Oberwasser. "Wichtig an der Sitzung heute war, dass auch die Signorina Ruby sich in diesem Prozess nicht als Zivilpartei konstituiert hat", frohlockte sein Verteidiger Giorgio Perroni. Felsenfest ist der Anwalt davon überzeugt: "Dieser Prozess wird ergeben, dass Berlusconi mit beiden Anklagepunkten nichts zu tun hat." Es gehört dabei zur Strategie des Berlusconi-Teams, immer wieder zu beteuern, der Cavaliere wolle an allen Prozesstagen wirklich dabei sein. Es sei denn, es kommt ihm etwas dazwischen! Wie gestern, als er in seinem römischen Regierungspalazzo Chigi eine Ministerrunde zu Libyen leiten musste.

Der kurze Mailänder Prozesstag machte in seinen nur fünf Minuten eines glasklar deutlich: Die ermittelnden Staatsanwälte hatten den juristischen Vorstoß gegen Berlusconi zwar in einem Schnellverfahren vorangetrieben. Jetzt aber ist der Vorhang offen, und alles geht den in der italienischen Justizmühle üblichen Gang. Nächstes Treffen also in acht Wochen. Angesichts von 78 teils prominenten Zeugen allein auf Berlusconis Seite und den vollen Aktenschränken der Staatsanwälte zum "Fall Ruby" kann man sich ausmalen, wie lange das dauern dürfte. Kein Wunder, dass Berlusconi eigentlich das Argument auf seiner Seite hat, wenn er Italiens Justiz reformieren und die Prozesse verkürzen will.

Der Haken ist nur: Es sind maßgeschneiderte Gesetzesreformen im Interesse des Mannes, der damit prahlt, seit so vielen Jahren von den "linken" Staatsanwälten verfolgt zu werden. Er ist immer noch frei. Und so soll es auch bleiben, wenn es nach Berlusconi, dem "ewigen Sieger", geht. Ein mögliches Schlupfloch im "Ruby"-Prozess hat er sich von seiner knappen Mehrheit im Parlament bereits öffnen lassen: Die Mailänder Justiz sei in der Frage des Amtsmissbrauchs gar nicht zuständig, befand die Kammer kurz vor dem ersten Prozesstermin. "Wir werden in den nächsten Wochen prüfen, ob wir vor diesem Hintergrund eine Unterbrechung der Verhandlungen beantragen", so Anwalt Perroni. (dpa)