Mit dem Buchautor, dem Historiker und Journalisten Franz Kadell, sprach dpa-Mitarbeiterin Ulrike von Leszczynski.

Frage: Welche Emotionen verbinden Polen heute mit Katyn?

Franz Kadell: In Polen weiß jeder etwas mit dem Wort Katyn anzufangen. Es gehört zum geschichtlichen Selbstbildnis, ist Symbol für die nationale Leidensgeschichte. Das Gedenken an Katyn ist eine geradezu sakrale Angelegenheit. Seit dem Absturz der Präsidentenmaschine vor einem Jahr ist mit dem Namen Katyn in Polen ein doppeltes Trauma verbunden. Das ist fast so, als ob ein Fluch auf diesem Namen liegt.

Frage: Was wissen die Deutschen über dieses Trauma?

Kadell: Das Wissen ist erstaunlich gering, obwohl die Deutschen bis 1990 von den Sowjets als Täter beschuldigt wurden. In der DDR galt offiziell die sowjetische Geschichtslüge, praktisch wurde das Thema in beiden deutschen Staaten gemieden. Seit dem Absturz der Präsidentenmaschine ist allerdings ein deutlich gesteigertes Interesse an dem Thema zu beobachten.

Frage: Wie nehmen die Russen Katyn heute wahr?

Kadell: Dort ist das Wissen über Katyn in der Breite noch geringer als in Deutschland. Das Land ringt um eine innere Neufindung und pendelt zwischen Verklärung und Realismus, was die unvorstellbare Blutspur des Leninismus-Stalinismus betrifft. Die Führung in Moskau weiß sehr wohl, dass es ohne vollständige Wahrheit keine Versöhnung geben kann. Dass kurz nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine der aufwühlende Katyn-Film des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda erstmals und zur besten Sendezeit im russischen Fernsehen gezeigt wurde, ist nicht nur von symbolischer Bedeutung. Es ist ein Zeichen eines Wandels. Das Thema Katyn verändert auch Russland.

Frage: Da russische Gerichte die Rehabilitation der Opfer verhindern, klagen mehrere Katyn-Opferfamilien vor dem Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte. Hat das Auswirkungen auf das künftige Verhältnis Polens zu Europa?

Kadell: Die russische Führung sowie die Gerichte fürchten offensichtlich, dass die Rehabilitation der Polen zu riesigen Regressforderungen auch anderer Völker und Opfergruppen führen könnte. Den Polen geht es hier allerdings nicht um Geld, sondern um die Wiederherstellung von Ehre und Würde der Opfer über den Tod hinaus. Schließlich gelten sie offiziell immer noch als Verbrecher. Wenn Straßburg im Sinne der Polen entscheidet, lautet die Botschaft: Europa heißt Recht, heißt Rechtstaatlichkeit. Kommt aus welchen Gründen auch immer keine klare Aussage zustande, ist die Botschaft: Auch in Europa sind wir Polen letztlich allein.