Von Pat Reber

Der Strahlenunfall kam, als der Frühling gerade seine Fühler ausstreckte, Pennsylvanias Trauerweiden grün tönte und die Obstbäume dicke Knospen treiben ließ. Farmer machten ihre Pflüge klar und Hausfrauen ernteten den ersten Löwenzahn in der sonnigen Kühle. Wäsche hing zum Trocknen draußen.

Gestern war der 32. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Harrisburg, und den Menschen im Herzen des US-Staates Pennsylvania entgeht nicht die besondere Ironie darin, gerade jetzt die Ereignisse im japanischen Fukushima zu verfolgen. Die sich immer wieder ändernden Einschätzungen der Betreiber über Explosions- und Strahlengefahren sind ihnen nur allzu vertraut – ebenso wie die Unentschlossenheit der Offiziellen in Sachen Lebensmittelsicherheit und Evakuierung.

"Ich würde sagen, sie sollten da weggehen", drängt Mike Venesevich die Japaner. Er arbeitete am 28. März 1979 in einem Stahlwerk nicht weit vom Atomkraftwerk Three Mile Island. Als die Nachrichten über eine Freisetzung radioaktiver Gase kam, eilte er nach Hause. "Meine Mutter hängte gerade Kleidung auf. Sie beklagte sich, dass ihre Haut brannte und dass sie einen metallischen Geschmack im Mund spürte", sagt Venesevich und beschreibt damit Klagen, die an jenem Tag verbreitet erklangen.

Wie rund 140000 andere Menschen in der Region sammelte Venesevich seine Familie ein und suchte das Weite. Der Staat ordnete am Ende an, dass schwangere Frauen und kleine Kinder den Umkreis von 16 Kilometern um den Reaktor verlassen sollten.

Barbara Deardorff, eine Lehrerin, die nahe bei Three Mile Island lebte, erinnert die aktuelle Atomkatastrophe in Fukushima daran, wie sie in Schuhen schlief, immer bereit zu fliehen. Sie hatte ihre beiden Kinder – auf Drängen einer schwangeren Schwester in München – weggeschickt, doch sie musste bleiben für den Fall, dass die Schulen wieder öffneten.

Three Mile Island war der erste Atomunfall, der weltweit Aufmerksamkeit erregte. Menschliches und technisches Versagen sowie Konstruktionsfehler führten dazu, dass eine Explosion drohte, der Reaktorkern teilweise schmolz und radioaktive Gase sowie das gefährliche Jod 131 entwichen.

Studien zeigten dann, dass die radioaktive Belastung pro Person nicht höher als ein Drittel der normalen jährlichen Strahlung war und dass es nur ein bis zwei nachweisliche Krebstode gab. Aber einige Experten meinen, diese Zahlen seien zu tief angesetzt. Die Krise hatte Verbesserungen der Sicherheitsanforderungen in den USA und in der internationalen Industrie zur Folge, aber nicht genug, um andere Katastrophen zur Frühlingszeit zu verhindern – Tschernobyl im April 1986 und jetzt Fukushima.

Heute ist Block 2 von Three Mile Island stillgelegt. Seine zwei 130 Meter hohen Kühltürme zeichnen sich drohend über der Insel im Susquehanna-Fluss ab, stumme Zeugen einer Katas- trophe. Die Betriebserlaubnis von Block 1 wurde trotz örtlichen Widerstandes um weitere 20 Jahre bis 2034 verlängert, aus seinen Kühltürmen tritt Dampf aus, den ein frischer Wind zerwirbelt. Über den Köpfen dröhnen Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen von Harrisburg.

Die eine Milliarde Dollar teure Bereinigung von Three Mile Island dauerte 14 Jahre. Japan war damals das einzige Land, das Ingenieure schickte, 20 an der Zahl, die dort ein Jahrzehnt als Helfer blieben. Die Regierung spendete dafür 18 Millionen Dollar und ließ rund ein Dutzend der berühmten japanischen Kirschbäume gegenüber dem Unglücksreaktor pflanzen, die nun kurz davor stehen, in volle Blüte auszubrechen. US-Ingenieure leisten jetzt ihrerseits Hilfe in Fukushima.(dpa)