Von Olaf Koch

Es ist nur ein Augenblick. Eine einzige Sekunde verändert am 6. August 1945 die Welt. An jenem Tag explodiert um 8.15 Uhr rund 500 Meter über der japanischen Stadt Hiroshima die erste im Krieg eingesetzte Atombombe. Es ist der schwärzeste Tag in der Geschichte des Landes der aufgehenden Sonne.

Die Schrecken der Atombombe haben die Japaner zu der Überzeugung gebracht, dass die Menschheit mit nuklearen Waffen nicht leben kann. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Mit dem Ölpreisschock von 1972 wird die Abhängigkeit des rohstoffarmen Landes vom Ausland deutlich. Als Konsequenz daraus setzt Japan den in den 60er Jahren begonnen Bau von Atomkraftwerken sehr zielstrebig fort. Heute decken Atommeiler bis zu 30 Prozent des Energiebedarfs des Landes. Mit 54 Atomkraftwerken ist Japan Kernkraftnation Nummer drei hinter den USA (104) und Frankreich (58).

Mit einer strikten Trennung zwischen wirtschaftlicher und militärischer Nutzung der Atomkraft versuchen die Japaner, ihr Gesicht zu wahren. Sie wissen um die Gefahr der Atomkraftwerke, und ihre leidvolle Geschichte haben sie nicht vergessen. Ihrer Mentalität entsprechend versuchen sie, sich darüber hinwegzuhelfen – mit einem beschwichtigenden Lächeln.

Dieser Verdrängungsmechanismus hat die Einwohner zwischen China und Pazifik nun in schmerzlicher Weise eingeholt. Sie wollen nach Hiroshima und Nagasaki kein zweites Tschernobyl. Fukushima ist zum Symbol geworden, aus dem Segen ein Fluch: Nicht noch eine dritte Atomkatastrophe in Nippon! Das Eingeständnis einer falschen Entscheidung? Undenkbar. Das Nachdenken über die Zukunft wird wohl länger als nur einen Augenblick anhalten.

Volksstimme-Redakteur Olaf Koch war vor einem halben Jahr in Japan. In Hiroshima hat er nicht nur die Dokumentation des ersten Atombombenabwurfes gesehen, sondern auch etwas über die Mentalität der Japaner und ihre Einstellung zur Atomkraft gelernt.