Von Lisa Krassuski

Die technischen Fakten der Katastrophe von Tschernobyl sind unstrittig: Der Reaktormantel explodiert, Trümmer und radioaktives Material werden nach außen geschleudert, eine nukleare Wolke breitet sich über weite Teile Europas aus. Die Analysen zu den Folgen von Tschernobyl weichen dagegen stark voneinander ab. Wie hoch ist die Zahl der Strahlenopfer? Einen breiten wissenschaftlichen Konsens gibt es selbst nach einem Vierteljahrhundert nur in wenigen Punkten.

"Es gibt keine offizielle Statistik – das ist das Problem", erklärt Sebastian Pflugbeil, der Präsident der atomkritischen Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS). Experten gehen davon aus, dass mittlerweile über 30 000 wissenschaftliche Beiträge zu den Folgen der Katastrophe existieren, die meisten davon in russischer Sprache.

Einigkeit herrscht bislang darin, dass mehrere Dutzend der zahllosen Aufräumarbeiter (Liquidatoren) direkt an der Strahlenkrankheit gestorben sind. Bei den Überlebenden weisen mehrere Studien auf eine Zunahme von Grauem Star, Hirnschäden, Leukämie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Auch ein Zusammenhang zwischen Tschernobyl und dem Anstieg von Schilddrüsenkrebs – insbesondere bei den damaligen Kindern der Region – ist unstrittig. Als Auslöser gilt radioaktives Jod aus der Milch belasteter Kühe.

In der Frage, wie viele Opfer das Unglück forderte, klaffen die Angaben weit auseinander. 2005 wurde hierzu der wohl bekannteste Report von internationaler Seite veröffentlicht. Das Tschernobyl-Forum – angeführt von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – geht darin davon aus, dass es "weniger als 50 Tote" gibt, die direkt in Verbindung mit dem Unfall stehen. Schätzungsweise 4000 Menschen würden infolge der Katastrophe an Krebs sterben.

Umweltschützer weisen jedoch darauf hin, dass der Bericht eigentlich auf ganz anderen Zahlen fußt. Die Gesundheitsexperten des Forums – die WHO-Gruppe "Health" – hätten für den Report eine Quelle aus dem Jahr 1996 herangezogen. In dieser werden zwar tatsächlich rund 4000 Krebstote (genau: 3960) unter den Liquidatoren, den Evakuierten und den Bewohnern der Kontrollzone angegeben. Zusätzliche 4970 Menschen, die an Krebs sterben, werden aber auch in anderen kontaminierten Gebieten gezählt. Diese Schätzung ist laut WHO-Gruppe "Health" jedoch "außerordentlich unsicher". Wird diese Zahl dazugezählt, kommt man auf 8930 Krebstote aus Russland, Weißrussland und der Ukraine.

Nicht nur wegen des Zahlen-Wirrwarrs sorgte der IAEA/WHO-Bericht bei vielen Atomkritikern für Entrüstung. "Ich war außer mir vor Wut", erinnert sich Alexej Jablokow von der russischen Akademie der Wissenschaften. Der ehemalige Umweltberater von Präsident Boris Jelzin geht von weitaus größeren Opferzahlen durch Tschernobyl aus: nämlich 1,44 Millionen Toten weltweit, wenn vorgeburtliche Todesfälle miteinbezogen werden, sogar von 1,6 Millionen.

Jablokow bezweifelt zudem, dass die WHO beim Thema Tschernobyl unabhängig forschen kann. Durch eine Resolution aus dem Jahr 1959 sei die Organisation bei allen Projekten zur Radioaktivität an die IAEA gebunden – eine Behörde, deren Hauptaufgabe darin besteht, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern.

Von mehreren Seiten wird gefordert, dass die Resolution namens WHA 12-40 aufgelöst wird, etwa von der Europaabgeordneten Rebecca Harms (Grüne). Die Politikerin hatte als Reaktion auf den IAEA/WHO-Bericht Wissenschaftler mit einer Gegenanalyse beauftragt. In dem 2006 veröffentlichten TORCH-Report (The Other Report on Chernobyl) ist von bis zu 60 000 Krebstodesfällen die Rede.

Warum die Schätzungen so unterschiedlich sind: Zum einen fehlt es an vielen Informationen, etwa darüber, wie viel Radioaktivität beim Unfall tatsächlich freigesetzt wurde. Zum anderen ist der Nachweis, dass Krebs durch die zusätzliche Strahlung entstanden ist, fast unmöglich. "Niemand kann wirklich sagen, ob es wirklich daran liegt", räumt auch der Biologe Jablokow ein.

In Japan kündigt sich nun eine Wiederholung des Zahlen- und Meinungs-Wirrwarrs an. So erklärte die UN-Organisation UNSCEAR erst kürzlich, die Auswirkungen des Unfalls in Fukushima seien geringer als die nach der Katastrophe von Tschernobyl. GfS-Chef Sebastian Pflugbeil vermutet hingegen, dass aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in Japan bis zu 40 Mal mehr Menschen an den Auswirkungen der Radioaktivität leiden werden. Doch 40 Mal wie viele? Hier muss auch Pflugbeil passen. Für die Opfer von Tschernobyl werde es immer heißen: "Wie viele es tatsächlich sind, wird man nie sagen können." (dpa)