Von Felix Lee

Eigentlich sollten zwei Bären das Eis zum Schmelzen bringen. Der Ueno-Zoo in Tokio wollte die Pandas Bi Li und Xian Nu heute der Öffentlichkeit präsentieren. Peking hatte das Paar als Leihgabe nach Japan geschickt.

Die Geste ist für China ein beliebtes Mittel, sich einem Land anzunähern, mit dem man im Streit liegt: Panda-Diplomatie. Doch wegen Erdbeben, Tsunami und Atomunfall fällt die Vorstellung im Tokioter Zoo aus. Nun schickt China umso mehr Katastrophenhelfer.

Schon am Tag des Erbebens, am 11. März, hatte die chinesische Führung Japan Hilfe angeboten – als erste Regierung weltweit. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao persönlich schickte Rettungs- teams, Ärzte und Strahlenspezialisten ins Katastrophengebiet. Auch Nahrungsmittel und Medikamente stellte China dem Nachbarn unverzüglich zur Verfügung. Wenn nötig, werde China weitere Unterstützung leisten, versprach Wen.

Was im Westen selbstverständlich erscheint, ist im Verhältnis zwischen China und Japan neu. Viele Chinesen nehmen den Japanern immer noch die Gräueltaten übel, die japanische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs begangen hatten. Sie finden, dass sich die Japaner bis heute nicht ausreichend für das 1936 begangene Massaker in der damaligen Hauptstadt Nanjing entschuldigt hätten.

Umgekehrt tun sich auch viele der 130 Millionen Japaner schwer mit China. Der aufstrebende Nachbar mit 1,3 Milliarden Menschen wird ihnen zunehmend weniger geheuer. Die Beziehungen sanken zuletzt im Herbst auf einen Tiefstand, als China Japan wiederholt eine Gruppe unbewohnter Inseln streitig machte, die Tokio seit über 100 Jahren kontrolliert. Seitdem herrscht zwischen Peking und Tokio Eiszeit.

Die japanischen Behörden kostete es zunächst auch einen Moment lang Überwindung, die Hilfe des Erzrivalen anzunehmen. "Viele Japaner empfinden das als ein Zeichen der Schwäche", vermutet Mahoto Hogina, der an der Pekinger Universität einen chinesisch-japanischen Freundschaftsverein leitet. Doch die Katastrophen in Japan sind derzeit so gewaltig, dass Premierminister Naoto Kan verkündete, jede Hilfe anzunehmen – auch die von China.

Die Chinesen wiederum fühlen sich geschmeichelt. Antijapanische Ressentiments, die sonst besonders unter jungen Chinesen weit verbreitet sind, hört man derzeit nur noch selten. "Ich empfinde tiefes Mitgefühl", sagt etwa die 21-jährige Studentin Jing Yao, die derzeit jeden Morgen mit einer Spendendose am Eingang der Pekinger Universität steht und für die Katastrophenopfer sammelt. Und auch Chinas Premier Wen erinnerte in seiner Rede an die Unterstützung, die Japan 2008 bei dem schweren Erdbeben in der südwestchinesischen Stadt Wenchua leistete.

Ob die beiden Länder nun politisch näher rücken und etwa den Streit um die Inseln im Japanischen Meer beilegen? Möglich ist das. Immerhin hatte auch der russische Präsident Dmitri Medwedew vorgeschlagen, den vom Erdbeben betroffenen Japanern Land in Sibirien anzubieten. Vor dem 11. März schwelte zwischen Russland und Japan ebenfalls ein heftiger Grenzstreit.(epd)