Von Edgar Neumann

Bis tief in bürgerliche Kreise hinein genießt Winfried Kretschmann, Chef der Grünen-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg, Sympathie und Vertrauen. Der 62 Jahre alte wertkonservative Ethiklehrer gehörte schon der ersten grünen Parlamentsgruppe an, die 1980 in Stuttgart erstmals in das Parlament eines Flächenlandes einzog. Seither drücken die Grünen die Oppositionsbänke.

Zumindest bis zum November schwammen die Grünen auf einer Woge der Zustimmung. Massenproteste gegen das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 trieben die Umfragewerte an die Marke von 30 Prozent. Kretschmann musste seine Parteifreunde ermahnen, realistisch zu bleiben.

Vorübergehend neigte sich die Waage wieder von Grün-Rot zu Schwarz-Gelb – bis zur Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Seither weist der Grünen-Trend wieder stark nach oben. Kretschmann will im Fall seiner Wahl zum Regierungschef für einen Turboausstieg aus der Atomkraft bis 2017 sorgen.

Der überzeugte Katholik und Vater dreier Kinder will an die Macht. Schließlich wollte er sich schon nach der Landtagswahl 2006 auf eine schwarz-grüne Koalition einlassen. Doch der damalige CDU-Fraktionschef Mappus machte dem damaligen Minis- terpräsidenten Günther Oettinger (CDU) einen Strich. durch die Rechnung.

Der Realpolitiker Kretschmann hat zuweilen Probleme mit seiner eher linken Basis. Ein Beispiel ist der Beschluss des Parteitags im Oktober 2007 für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Hier hatte sich Kretschmann aus Finanzierungsgründen dagegengestellt und verloren.

In seiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit arbeitete aber auch Kretschmann als AStA-Vorsitzender an der Universität Hohenheim in maoistischen Gruppierungen mit. Ende 2000 wurde er als erster Grüner in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gewählt und gehört zudem dem Diözesanrat des Erzbistums Freiburg an.(dpa)