Von Josephine Schlüer

Arabien befindet sich in einem schwindelerregenden Umbruch: Wie unterschiedlich die Ansichten zu den Aufständen von Tunesien bis Bahrain sind, zeigte die zweistündige Diskussion darüber am Donnerstagabend im Magdeburger Maritim-Hotel.

Der in Ägypten geborene Wissenschaftler Abbas Omar von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg bezeichnete vor den knapp 100 Gästen den Umbruch als "einen Zufallsprozess, mit dem so nicht zu rechnen war." Insbesondere in Ägypten sei die Haltung gegenüber der Regierung stark von Doppelmoral geprägt gewesen.

Die individuellen Interessen hätten einen ständigen Meinungswechsel für und gegen das Mubarak-Regime bewirkt. Als einen Grund dafür nannte Omar exorbitante Gehaltszahlungen an Entscheidungsträger in der Gesellschaft wie Militärs, Regierungsbeamte oder Universitätsrektoren, um diese bei der Stange zu halten.

Die Revolution als Zufallsprozess zu bezeichnen, konnte dagegen der aus Syrien stammende Dozent Wahid Nadar nur verneinen: "Nach 50 Jahren Entwürdigung der Menschen musste es einfach dazu kommen. Das war nur eine Frage der Zeit."

Peter Wendt von der Volksstimme-Chefredaktion zeigte sich vor allem überrascht darüber, mit welcher Geschwindigkeit sich diese Entwicklungen vollzogen haben und mahnte gleichzeitig: "Wir waren hier in Deutschland wieder schnell dabei, die eigenen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit in die betroffenen Gebiete zu transportieren. Davor sollte man sich hüten. Das hat im Irak schon nicht geklappt."

Und welche Rolle spielt Deutschland innerhalb dieser Entwicklung? "Man sollte nicht vergessen, das von den Machthabern in den arabischen Ländern über Jahrzehnte hinweg systematisch ein Feindbild gegenüber der westlichen Kultur aufgebaut wurde", sagte Nadar. Das sei noch in vielen Köpfen verankert. Dieser Konflikt müsse erst entschärft werden, bevor es eine effektive Zusammenarbeit geben könne. "Dafür müsste der Westen die Araber als gleichwertig ansehen. Das ist im Moment nicht der Fall."

Geht es um Hilfsangebote aus dem Westen, findet Omar nur zwei Worte: "Hände weg!" Es sei besser, wenn sich niemand einmische. "Lasst die Leute sich frei entwickeln, auch wenn das lange dauert!"

Wendt, der sieben Jahre lang als Auslandskorrespondent in arabischen Ländern tätig war, schätzte ein, dass das Engagement Deutschlands und anderer westlicher Länder meist mit wirtschaftlichen Interessen verbunden sei. "Beispielsweise gibt es im Jemen im Gegensatz zu Libyen kein Erdöl. Dort wird auch nicht militärisch eingegriffen."

Ein weiterer Gesprächspunkt waren die Unterschiede in den einzelnen Umbruchsländern. "Wir haben eine weitgehend homogene Gesellschaft, keine Stämme, aber dafür auch eine homogene Korruption", beschrieb Omar die Situation in Ägypten. Aktuell genieße die Bevölkerung dort zwar ihre Freiheit, aber die staatliche Ordnung habe sich aufgelöst, Polizisten würden keine Autorität mehr genießen. Dies könne zu einem Chaos führen.

In Syrien sei die Bevölkerungsstruktur komplizierter, erklärt Nadar. Zwar gebe es auch dort keine Stämme wie beispielsweise in Libyen, aber viele verschiedene Glaubensrichtungen. Das führe immer wieder zu Konflikten.

Unterschiedlicher Meinung waren beide zum klassischen Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina. Dass die Spannungen zwischen Juden und Arabern schon aus wirtschaftlichem Interesse beseitigt werden, ist die Meinung Omars. Sein syrischstämmiger Gesprächspartner bezweifelte jedoch, "dass ein halbes Jahrhundert Demütigung und Geringschätzung nicht nur innerhalb eines Regimes, sondern auch von Seiten Israels von heute auf morgen vergessen werden können. Wendt stimmte zu: "Ich bin nicht optimistisch, dass sich dieser Konflikt schnell lösen lässt."

Welche Ergebnisse die revolutionären Bewegungen in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel letztlich bringen werden, sei heute schwer vorherzusagen, war sich die Runde einig. Omar: "Das ist sehr, sehr kompliziert."