Von Frank Rafalski, Basil Wegener und Tim Braune

Wenn er auf Parteitagen redet, wird es mucksmäuschenstill in den Reihen der Delegierten. Unprätentiös, überzeugend und absolut uneitel – Philipp Rösler ist für viele in der FDP die Inkarnation der Glaubwürdigkeit. Vor allem diese Eigenschaft katapultiert den 38-Jährigen jetzt auf den Chefsessel der FDP.

Rösler gilt als "Anti-Westerwelle" und steht in der FDP für eine Öffnung zu sozialen Themen. "Ich bin nicht wegen der Steuersenkung in die FDP eingetreten", ist einer seiner Standard-Sprüche.

Als Gesundheitsminister hat Rösler mehr erreicht, als viele erwarteten. Sein wichtigstes Gesetz, die Gesundheitsreform, trug ihm mit deutlicher Beitragserhöhung auch Ärger in der Partei ein, die sich bis dahin "Mehr Netto vom Brutto" auf die Fahnen geschrieben hatte. Rösler wird Gesundheitsminister bleiben, denn der mögliche Wechsel ins Wirtschaftsressort ist vom Tisch: Rainer Brüderle ("Mister Mittelstand") behält seinen Posten.

Spendabler Mittelstand

Neben Wirtschaftsflügel und Parteibasis ist der Mittelstand die Hausmacht von Brüderle, der seit vier Jahrzehnten Politik macht. Fleiß, Lebensfreude und das richtige Vitamin B haben ihn geprägt. Sein Vater führte bis weit über 80 einen Krämerladen in Landau, wo der Sohn das Einmaleins des Kapitalismus lernte.

Diese Selbstständigen, Familienunternehmer und Handwerker sind heute für die FDP ein vielleicht überlebenswichtiges Milieu, aus dem viele Spenden kommen. Das sehen in der FDP nicht alle so. In einigen Landesverbänden war Brüderle aufgefordert worden, Platz für einen Generationenwechsel zu machen. Für Kritiker steht er für die verbrauchte Führungsriege, die die Wahlpleiten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu verantworten habe. Auch hängt Brüderle nach, dass er beim Plausch mit Industriebossen das Atom-Moratorium als Wahlkampftrick beschrieben haben soll.

Dazu kommt sein widersprüchliches Image, das von flotten Sprüchen im pfälzischen Singsang und den vergilbten Weinköniginnen-Bildern geprägt zu sein scheint. Renner bei Satire-Fans sind Mitschnitte von Brüderle-Reden, die mit Hochdeutsch untertitelt werden.

Dabei hat Brüderle in der Finanzkrise neben Opel mehrfach bewiesen, dass er einen klaren wirtschaftspolitischen Kompass hat. International machte der Volkswirt eine gute Figur, als er den kranken Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf G-20-Ebene vertrat und im Streit um Exportquoten US-Finanzminister Timothy Geithner die Stirn bot.

Volksnähe entscheidend

Rösler hingegen betont gern: "Solidarität ist auch eine liberale Kategorie." Eigentlich sei er doch ein verkappter Sozialdemokrat, sagen seine Kritiker gelegentlich. Illoyal gegenüber seinem Förderer und Parteichef war Rösler nie. Zuletzt im Parteipräsidium am Montag erklärte er: "Wir müssen zeigen, dass es in der Politik auch Dankbarkeit geben kann." Genau dieses "nahe bei den Menschen" hat letztlich den Ausschlag dafür gegeben, dass Rösler von vielen als der geeignetere Westerwelle-Nachfolger gesehen wird als der intellektuell messerscharfe Lindner.

Geboren in Vietnam wurde Rösler als Flüchtlingskind von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Nach Trennung der Eltern blieb er bei seinem Vater, einem Bundeswehroffizier und SPD-Mitglied. Nach dem Abi 1992 war Rösler in die Bundeswehr eingetreten, als Stabsarzt verließ er sie. 2002 heiratete er seine Frau Wiebke. Seine Zwillinge in Hannover vermisst er.

Eine Exit-Strategie hat Rösler bereits. Früh kündigte er an: "Mit 45 Jahren ist mit der Politik Schluss." Wenn er dabei bliebt, wäre er bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode 2017 im Parteiamt.(dpa)