Obwohl die meisten Afrikaner arm sind, ist unser Kontinent potenziell extrem reich. Unsere Mineralvorkommen, die mit ausländischem Kapital ausgebeutet werden und lediglich diese ausländischen Investoren bereichern, reichen von Gold und Diamanten über Uran bis hin zu Öl. Unsere Wälder verfügen über einige der besten Holzarten überhaupt. Unsere landwirtschaftlichen Exportgüter umfassen Kakao, Kaffee, Gummi, Tabak und Baumwolle. (…) Dies ist einer der Gründe, warum wir in Afrika das Paradox haben, Armut inmitten des Überflusses und Mangel inmitten der Fülle vorzufinden."

So schrieb es Kwame Nkrumah (1909-1972), der Ghana 1957 als erstes schwarzafrikanisches Land in die Unabhängigkeit führte. Seine Worte bilden einen von 30 Texten in dem Sammelband "50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten", den die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verein AfricAvenir International erstellt hat.

Das Buch entstand anlässlich der Feiern von 50 Jahren Unabhängigkeit, die 17 afrikanische Staaten im vergangenen Jahr begingen, und versammelt historische sowie neue Texte von namhaften afrikanischen Politikern, Wissenschaftlern und Schriftstellern. Sie ziehen in den Reden, Gedichten und Liedertexten eine kritische Bilanz.

"Gibt es wirklich irgendetwas zu feiern oder ist im Gegenteil etwa alles Geschehene zu beklagen?", fragt etwa der Kameruner Historiker Achille Mbembe. Seine Sicht auf die Lage des Kontinents gibt zunächst wenig Anlass zu Optimismus. Mbembe spricht von einer "Kultur der Erpressung, des blutigen Aufruhrs ohne Zukunft". Es fehle an einem demokratischen Denken, das dem überall herrschenden "Modell der Ausraubung" eine Alternative entgegensetzen könnte. Gleichwohl verzeichnet Mbembe ein "gesundes Streben nach Freiheit und Wohlergehen", auf dem er seine Zuversicht auf bessere Zeiten begründet.

Kum’a Ndumbe teilt diese Zuversicht. Der Kameruner Schriftsteller sieht in den Unabhängigkeiten der 60er und 70er Jahre "ein wichtiges Sprungbrett für den Aufbau der afrikanischen Staaten". Diesen hält er noch lange nicht für abgeschlossen und erklärt: "Wir sind bereit für die zweite Etappe der Befreiung."

Genau diese Ambivalenz von Stolz und Frustration wollen die Herausgeber des Buches zum Ausdruck bringen. Ihnen geht es um die Vielstimmigkeit, mit der die Unabhängigkeiten in Afrika diskutiert werden. Unter dem Strich steht dabei eine Bilanz, die trotz aller Kritik und Selbstkritik wie der Appell an einen Aufbruch wirkt, die von Kraft strotzt und vom Willen nach Veränderung. Wer bisher mit großer Skepsis auf den Kontinent blickte, gewinnt nach Lektüre der vielen Innenansichten ein Stück Zuversicht zurück.

Originell ist die grafische Gestaltung des Buches, für die seitens der Burg Giebichenstein die Professorin Anna Berkenbusch, die Designerin Jenny Baese und die Studenten Robert Haselbacher und Wolfgang Schwärzler verantwortlich zeichnen. Das beginnt schon beim Einband, den statt des Titels Zitate aus dem Buch schmücken. Erst auf den zweiten Blick zeichnen sich darin die Konturen des afrikanischen Kontinents ab. Im Layout der Texte und Fotos findet sich diese Originalität wieder.

Leider mangelt es an einem Autorenverzeichnis. Auch nähere Angaben zu den Bildern sucht man vergeblich. Dem guten Gesamteindruck des Buches tut dies jedoch keinen Abbruch.

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