Von Bettina Grachtrup

So viel Harmonie war selten: Vor einem Jahr, am 15. Mai 2010, wählte die Linke auf ihrem Rostocker Parteitag mit überraschend großer Mehrheit ihr neues Führungsduo. Die aus dem Osten stammende Gesine Lötzsch und der Gewerkschafter Klaus Ernst aus Bayern sollten die noch junge Partei in eine neue Ära führen. Ein Jahr später ist von der Aufbruchstimmung wenig übrig. Viele Linke sind unzufrieden mit ihren Vorsitzenden. Kaum jemand wagt aber, sie derzeit offen infrage zu stellen. Mit Rücksicht auf die noch kommenden Landtagswahlen schwelt die Personaldebatte nun eher wieder im Hintergrund.

Dass Ernst und Lötzsch es nicht leicht haben würden, war allen klar. Mit ihren Vorgängern Oskar Lafontaine und Lothar Bisky traten zwei Schwergewichte von der politischen Bühne ab. Die neuen Chefs übernahmen die alten Probleme. Nach der Fusion aus Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und der SED-Nachfolgepartei PDS im Jahr 2007 hatte die Linke noch nicht zueinandergefunden.

Die Partei war und ist gespalten zwischen Ost und West, Pragmatikern, die sich offen für Regierungsbeteiligungen zeigen, und Fundamentalisten, die von urlinken Überzeugungen keine Abstriche machen wollen.

Ernst war schon vor seiner Wahl nicht unumstritten. Im vergangenen Jahr musste er sich dann mit Vorwürfen aus- einandersetzen, wegen seines Lebensstils – er ist Porsche-Fahrer und besitzt eine Alm-Hütte – ein "Luxus-Linker" zu sein. Lötzsch fiel zunächst nicht negativ auf, brach dann aber zum Auftakt des Superwahljahres 2011 fahrlässig eine Kommunismus-Debatte vom Zaun. Die Landtagswahlen in Hamburg und Sachsen-Anhalt liefen trotzdem ganz passabel. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verfehlte die Partei aber deutlich ihr Ziel, in die Landtage einzuziehen.

Dass die Parteispitze dafür zunächst die Verantwortung von sich schob und externe Gründe für die Wahlschlappen nannte, stieß in der Partei zum Teil auf großes Unverständnis.

Linksfraktionschef Gregor Gysi, der selbst maßgeblich an der Bildung des Personaltableaus vor einem Jahr beteiligt war, nährte Gerüchte zu einem möglichen Comeback von Ex-Parteichef Lafontaine in einer "Notsituation". Gysi wollte dies als Drohung an die Kritiker von Ernst und Lötzsch verstanden wissen. Doch da flammte die Personaldebatte erst wieder richtig auf.

Die Unzufriedenheit mit dem Führungsduo Ernst/Lötzsch hat viele Gründe. "Ich glaube, dass sie den Willen hatten und noch haben, die Partei so gut wie es geht zu führen", sagt der sächsische Landeschef der Linke, Rico Gebhardt. Nur sei mit den guten Wahlergebnissen 2009 ein gewisser Höhepunkt erreicht worden. "Es ist nicht in der ganzen Partei angekommen, dass man auch Wahlniederlagen einstecken muss", meint Gebhardt. Er hält den Vorsitzenden zugute, dass sie 2010 die Debatte über das künftige Parteiprogramm aufs Gleis gebracht haben. Jedoch müsse im laufenden Jahr die Basis stärker eingebunden werden.

Der Berliner Linke-Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich meint, Lob und Kritik betreffe immer die gesamte Parteispitze. Für die anstehenden Wahlen erhoffe er sich große Unterstützung durch die Parteiführung. In Berlin bildet die Linke mit der SPD die Regierung. Die Parteispitze müsse die positive Bilanz der Regierungsbeteiligung stärker als Erfolg der Partei verkaufen. Zur Debatte um Lötzsch und Ernst meint er: "Ich finde, wir müssen sie dann führen, wenn sie ansteht." Die nächsten regulären Vorstandswahlen sind im Frühjahr 2012.

Unter der Hand räumen aber prominente Linke ein, dass nicht sicher ist, ob die beiden dann noch im Amt sind. Vieles hänge von dem Ausgang der anstehenden Wahlen und dem Verlauf der Programmdebatte ab. Die große Frage bleibt aber, wer dem Duo nachfolgen könnte.(dpa)