Von Ulrike John

Nach Angaben der Vereinten Nationen braucht Nordkorea dringend Lebensmittel, südkoreanische Experten sprechen von einer absehbaren Knappheit, das kommunistische Land selbst hat alle ausländischen Botschaften um Hilfe gebeten. Wie ernst die Lage in dem isolierten ostasiatischen Land ist, können selbst Experten der Welthungerhilfe nur schwer einschätzen. "Es gibt niemand, der wirklich weiß, wie es aussieht", sagt der Schweizer Daniel Gerster in einem dpa-Gespräch in Pjöngjang. Er arbeitet seit vielen Jahren im Gemüse- und Obstbau.

"An die Leute, die gar nichts haben, kommen wir eh nicht ran. Man sieht keine Menschen verhungern und nur selten Bettler", berichtet Gerster. Hohe Preise, Überschwemmungen, der ungewöhnlich lange und kalte Winter, die Maul- und Klauenseuche, der Mangel an Saatgut und Maschinen und die ewigen Energieprobleme haben die Nahrungsmittelproblematik wieder einmal verschärft. Der deutsche Botschafter Gerhard Thiedemann spricht von einer "strukturellen Nahrungsmittelknappheit". Gerster sieht es ähnlich: "Der Winter war kälter als die beiden vorangegangenen, aber das Wetter spielt nicht die Hauptrolle."

Bei einer Hungersnot in den 90er Jahren starben vermutlich bis zu zwei Millionen Menschen in Nordkorea. Die Welthungerhilfe ist seit 1997 im Land. Humanitäre Hilfe nennt sich das, Entwicklungshilfe ist wegen der UN-Sanktionen nicht erlaubt. Das totalitäre Regime in Pjöngjang, das mit der internationalen Gemeinschaft im Streit um seine Atomwaffen- und Raketenprogramme liegt, ist stark auf Nahrungsmittelimporte angewiesen.

Südkoreas Vereinigungsminister Hyun In Taek sagte kürzlich, Nordkorea habe im vergangenen Jahr "plus oder minus 4,1 Millionen Tonnen Getreide" eingefahren. Damit die Bevölkerung von 24 Millionen Menschen ausreichend ernährt werden könne, würden mindestens 5,5 Millionen Tonnen Getreide benötigt

Gerster, der seit 2001 mit Unterbrechungen im Land ist, kämpft dagegen, dass vor allem die Kinder nur von Kohlenhydraten, von Reis, Kartoffeln und Mais, leben. Der 37 Jahre alte Agrarexperte arbeitet mit dem Obstbauministerium zusammen. In kooperativen und staatlichen Betrieben bis zu 2000 Hektar werden Äpfel, Kirschen, Pflaumen und Birnen angebaut. "Jeder Betrieb hat eigene soziale Institutionen. Das Obst und Gemüse geht an Kindergärten, Schulen und Spitäler", erklärt er. "Einen Teil verkauft die Regierung an Obst- und Gemüseläden."

In der Kooperativfarm Pongsu von Karl Fall aus Ingolstadt werden sogar Fische gezüchtet – und aus ihren Ausscheidungen der so begehrte Dünger hergestellt. "Wir wollen die Nahrungsmittelversorgung der städtischen Bevölkerung verbessern, denn die leidet mehr als die Landbevölkerung". Die Europäische Union finanziert das über zweieinhalb Jahre laufende Projekt mit insgesamt 1,7 Millionen Euro.

Fall bietet bedürftigen Nordkoreanern Mini-Gewächshäuser an, die sie selbst zusammenbauen und auf Balkonen oder in Hinterhöfen aufstellen können. "So können sich Familien versorgen und den Überschuss auf dem Markt verkaufen." In den Anlagen der Welthungerhilfe in Pjöngjang und Sunchon seien im vergangenen Jahr 500 Tonnen Gemüse produziert worden. "Damit kann man 80 000 bis 100 000 Personen versorgen."

Nur knapp 20 Prozent der Fläche Nordkoreas sind wegen der vielen bergigen Landstriche für die Landwirtschaft nutzbar. Nach Schätzungen waren 2010 fünf Millionen Menschen vom Hunger bedroht, 20 Prozent der Kinder gelten als untergewichtig. Seit Anfang der 90er Jahre die Subventionen aus der Sowjetunion ausgeblieben sind, ist die Not groß.

Kurz vor Beginn des Frühlings bearbeiten die Menschen viele Felder nur mit Schaufel und Hacke. Noch ist kein Grün zu sehen. Die Erdbeeren, Gurken und Salatköpfe in Falls Gewächshäusern wirken fast künstlich im trockenen und trostlosen Pjöngjang. Seit acht Jahren arbeitet der Bayer hier. Was, wie er selbst sagt, "ein bisschen verrückt ist". (dpa)