Von Wolfgang Schulz

Sie kamen im August 1949 und im Juli 1950 per Bahn via Budapest aus Griechenland: 1128 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren. Sie waren Bürgerkriegsflüchtlinge, die in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR ein neues Zuhause finden sollten. Eingeladen vom Zentralkomitee der SED. Damit begann ein kleines, in der DDR kaum und noch heute wenig bekanntes Kapitel der Geschichte der Einheitspartei, das wie so viele andere nach außen einen friedlichen, humanitären Anstrich hatte, dabei jedoch zutiefst ideologisch geprägt war.

Das Schicksal der griechischen Flüchtlingskinder stand am Montagabend im Mittelpunkt einer Veranstaltung zur deutsch-deutschen Geschichte in der Berliner Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Der Verein "Exantas", den 2005 in Berlin lebende Griechen gegründet haben, und die Landesvertretung hatten rund 200 Gäste eingeladen, die einen sehr informativen Abend erlebten. Am Beispiel des Malers Fotis Zaprasis (1940-2002), der 1949 zu den Flüchtlingskindern gehörte und nach seinem Studium lange Zeit in Halle lebte, entstand ein anschauliches Bild der sogenannten DDR-Griechen. Einen wesentlichen Anteil daran hatte Prof. Stefan Troebst von der Universität Leipzig, der das ungewöhnliche Leben der griechischen Flüchtlingskinder erforscht hat und darüber berichtete.

Die SED wollte durch eine paramilitärische Ausbildung aus den 1128 Kindern "bewusste, entschlossene und disziplinierte Patrioten und Kämpfer für die Befreiung ihres Vaterlandes vom monarcho-faschistischen Joch" sowie Kämpfer für die Sache des Weltkommunismus machen. Sie sollten nach der Niederlage der Linken im griechischen Bürgerkrieg (1944 bis 1949) in einem zweiten Anlauf den Kommunisten zum Sieg verhelfen und den Sozialismus in Griechenland aufbauen. Deshalb bestand die SED darauf, von den mehr als 100 000 Menschen, die aus Griechenland nach Albanien, Ungarn, Bulgarien, Polen, in die Tschechoslowakei und in die Sowjetunion geflohen waren, nur Kinder und dann auch nur ethnisch griechische Kinder in die SBZ/DDR aufzunehmen.

Die Kinder wurden ab 1950 im "Heimkombinat freies Griechenland" in Radebeul bei Dresden untergebracht. Der Unterricht erfolgte in Deutsch und Griechisch. Sehr oft waren ehemalige Partisanen und Vertreter der Kommunistischen Partei Griechenlands sowie sowjetische Offiziere zu Gast. Einen Kontakt zur Außenwelt gab es so gut wie nicht.

Wie gründlich die Erziehung im Sinne der SED erfolgte, zeigte das Verhalten von DDR-Griechen am 17. Juni 1953. Der Volksaufstand war für die isolierten Heiminsassen ein Schock. Sie glaubten, die Faschisten, die sie von der Besetzung ihrer Heimat kannten, würden wiederkommen. Deshalb unternahmen sie alles, um das Heim zu sichern.

Im Laufe der Jahre wurden die "Griechenlandkinder" mehr und mehr zu schwierigen Gästen. Da eine zweite Revolution in Griechenland nicht in Sicht war, die Flüchtlinge keine Staatsbürgerschaft mehr hatten und von der DDR als "Griechen ohne Heimat" geführt wurden, musste ein neuer Weg gefunden werden. Die Jugendlichen wurden auf die umliegenden volkseigenen Betriebe verteilt und zu Facharbeitern ausgebildet. Einige konnten auch Hoch- und Fachschulen besuchen. Wie viele DDR-Bürger fühlten sich auch die griechischen Emigranten mehr und mehr eingesperrt. Da sie offiziell keine Möglichkeiten für eine Ausreise hatten, kam es wiederholt zur Flucht in den Westen. Im Juli 1973 heißt es in Stasi-Akten, dass es Beschwerden von Heimbewohnern gebe, weil die Griechen weniger Rechte als der negativste DDR-Bürger hätten. Erschwerend kam dazu, dass viele griechische Kommunisten weiterhin Stalin verehrten und der aufkommende Eurokommunismus die ideologischen Spannungen erhöhte.

"Das Klima für uns wird immer rauher", schrieb ein DDR-Grieche 1973. Mehrere Hundert von ihnen stellten Ausreiseanträge. 1973 öffnete sich nach der Anerkennung der DDR durch Griechenland mit Westberlin ein Schlupfloch, das viele nutzten und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Als 1984 durch ein Abkommen zwischen Ostberlin und Athen die Auszahlung von DDR-Renten auch in Griechenland möglich wurde, gab es kein Halten mehr. Sehr viele DDR-Griechen reisten in ihre Heimat oder in die Bundesrepublik aus. Bis zum Mauerfall 1989 war die große Mehrheit schon weg. Heute leben in den neuen Ländern von den einstigen 1128 Kindern und Jugendlichen von 1949/50 nur noch rund 30. In zweiter und dritter Generation dürften es ein paar mehr sein, recherchierte Professor Troebst.