Von Steffen Honig

Ganz weit hinten in der Türkei wird gerade ein Denkmal abgerissen. In Kars, 60 km vor der armenischen Grenze. Das 30 Meter hohe Monument aus Stahlbeton stellt einen geteilten Menschen dar, der wieder eins wird, und steht für die Nachbarn Türkei und Armenien.

Entfernt wird es auf Weisung von höchster Stelle: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich steckt hinter dem Denkmalsturz. Der Premier hatte Anfang dieses Jahres Kars besucht und laut der türkischen Zeitung "Radikal" erklärt: "In der Nähe des Grabmals von Hasan Harakani (Sufi-Heiliger aus dem 11. Jahrhundert, d. Red.) hat man ein sehr seltsames, erstaunlich hässliches Ding aufgestellt. Natürlich ist nicht daran zu denken, dass dort, wo künstlerisch wertvolle Stiftungsbauten sich befinden, so etwas steht. Unser Bürgermeister wird rasch das Notwendige tun. (…) Hoffentlich werden wir bei unserem nächsten Besuch das auch sehen. Das Umfeld (…) wird in Gemeineigentum überführt und dort wird ein schöner Park errichtet."

Trommeln gegen den Nachbarn

Der türkische Künstler Mehmet Aksoy hat das Denkmal für die armenisch-türkische Aussöhnung – Titel "Friede und Brüderlichkeit" – 2006 geschaffen. Nicht nur er empört sich über den Abriss. Zahlreiche in- und ausländische Künstler protestieren gegen die Beseitigung von Aksoys Monument in der Ost-Türkei, das auch von Armenien aus zu sehen ist.

Erdogan trommelt bereits seit geraumer Zeit gegen das Nachbarland. Vor einigen Monaten drohte er sämtlichen illegal in der Türkei lebenden Armeniern mit der Ausweisung. Kritiker des Premiers vermuten, dass Erdogan auf Kosten der Armenier Stimmenfang für seine islamisch-konservative AK-Partei vor den Parlamentswahlen in zweieinhalb Monaten betreibt. Zumal im Gebiet von Kars viele Aseris ansässig sind, Erzfeinde der Armenier wegen des schwelenden Berg-Karabach-Konfliktes. Der Streit um die armenisch besetzte, aber völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende Kaukasus-Enklave wurde 1994 mit einem – reichlich fragilen – Waffenstillstand eingedämmt, aber nicht beendet, weswegen auch die armenisch-türkische Grenze bis heute geschlossen ist.

Erdogans Anti-Armenien-Kurs bedeutet einen Rückfall in finstere Zeiten der offenen Konfrontation, die eigentlich überwunden schienen. Denn in noch nicht einmal drei Jahren hatte sich das Verhältnis zwischen Ankara und Eriwan merklich aufgehellt.

Fußball-Diplomatie blieb Episode

Beide Länder entwickelten damals die sogenannte Fußball-Diplomatie. Da beide Staaten keine offiziellen Beziehungen unterhalten, wurde ein sportlicher Umweg für Gespräche auf höchster Ebene gewählt: der armenische Präsident Sersch Sarkissjan lud seinen türkischen Amtskollegen im September 2008 zu einem Spiel beider Fußballnationalmannschaften nach Eriwan ein. Es blieb beim hoffnungsvollen Signal.

Die Entfernung des Versöhnungsdenkmals ist ebenso symbolisch wie das Monument selbst – nur mit umgedrehten Vorzeichen. Die Arbeiten begannen direkt nach dem 24. April. An diesem Tag gedenken Armenier im Mutterland und weltweit des Beginns des Genozids an ihrem Volk im damaligen Osmanischen Reich 1915. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen vielen diesem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts zum Opfer. Obwohl durch Dokumente, Fotos, Filme und Zeugenaussagen tausendfach bewiesen, weigert sich die Türkei noch immer, das Massaker an den Armeniern als solches anzuerkennen.

Die türkische Führung sonnt sich derzeit lieber in der Bedeutung, die ihr bei den Umbrüchen in der muslimischen Welt beigemessen wird. Vom demokratischen Beispiel für arabische Staaten ist die Rede. Erdogans Denkmalsturz von Kars zeigt die Schattenseiten dieses Modells.