Von Wolfgang Schmidt

Nach der bittersten Fahrt ihrer 52-jährigen Geschichte legt die "Gorch Fock" heute im Heimathafen Kiel an. Freundinnen, Ehepartner, Kinder werden den Besatzungsmitgliedern in die Arme fallen wie immer. Darüber hinaus ist nichts wie immer. Der tödliche Sturz einer Offiziersanwärterin aus der Takelage, Klagen über angebliche Schikanen und unwürdige Rituale, schlimme Schlagzeilen und das umstrittene Agieren des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) haben den stolzen Dreimaster während seiner achteinhalbmonatigen Südamerika-Reise in den Fokus gerückt wie nie. Die Marine sieht sich durch Vorverurteilungen verletzt, die Zukunft als Segelschulschiff wurde infrage gestellt.

Rund 200 Mitglieder der Stammbesatzung und der Segelcrew sind an Bord, Offiziersanwärter nicht. Deren Ausbildung wurde nach dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah Seele im November in Brasilien abgebrochen. Die Mutter der Kadettin stellte Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung; die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft stehen vor dem Abschluss.

Die "Gorch Fock" steht unter dem Kommando von Michael Brühn, nachdem Guttenberg den Kapitän Norbert Schatz während der Reise abgelöst hatte. Die Bark lag vor Ushuaia auf Feuerland, als Schatz davon erfuhr. Marineleute, die ihn gut kennen, hoffen auf seine vollständige Rehabilitierung.

In Südargentinien ging auch eine Marine-Kommission an Bord, um Vorwürfe zu untersuchen, über die Kadetten dem Wehrbeauftragten des Bundestages berichtet hatten oder die in "Bild" standen. Von sexueller Nötigung war die Rede, überzogenem Drill beim Aufentern in die Takelage, Alkoholexzessen, Führungsdefiziten, einer Karnevalsfeier kurz nach dem Tod der Kadettin.

Am Ende stand nach Befragung von 192 Mitgliedern der Stammbesatzung und 221 Offiziersanwärtern ein 98-seitiger Bericht. Fazit: Die Vorwürfe hätten sich zum Großteil als nicht haltbar erwiesen oder bei weitem nicht die Qualität, die ihnen zunächst zugesprochen wurde. Das Verteidigungsministerium hat sich vom Marinebericht distanziert und wird eine eigene Bewertung abgeben.

In dem Papier wird manches gerechtfertigt, was außerhalb einer traditionsbewussten Marine verwundert. Ein pikantes Detail ist eine Wäscheleine, die gelegentlich im Maschinenraum hing – mit 20 Damen-Slips, die Besatzungsmitglieder als Landgang-"Trophäen" mitbrachten. Der Marine-Bericht dazu: "Zwar entspricht die Leine nicht den Maßstäben der "political correctness", stellt aber gerade für die Soldaten der Schiffstechnik ein zusammenhaltsförderndes Element dar, welches in der Abwägung unter Führungsaspekten nicht zu beanstanden ist und als "Brauchtumsstück" betrachtet werden muss".

Auch wenn der Dreimaster als Ausbildungsschiff infrage gestellt wurde, zeichnet sich eher ein Festhalten an ihm ab. "Ob die "Gorch Fock" weitersegeln soll, hat die Marine-Führung zu entscheiden", sagte der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus. Er habe sich davon überzeugen lassen, dass bei der Segelausbildung besondere seemännische Fähigkeiten vermittelt werden und eine Charakterformung stattfindet, die anders gar nicht oder nur schwer zu erreichen wäre. Der Verteidigungsausschuss sei mit großer Mehrheit einig, dass die "Gorch Fock" weitermachen soll, sagt SPD-Wehrexperte Hans-Peter Bartels.

Eine vom Verteidigungsminister eingesetzte Kommission soll die Ausbildung bewerten und Verbesserungen vorschlagen. Gefährdet werden könnte die "Gorch Fock" noch, wenn die Bundeswehrreform radikaler ausfällt als zumeist erwartet. Betrieb und Instandhaltung kosten jährlich mehrere Millionen Euro. (dpa)