Von Gerald Semkat

Was machte E.T.A. Hoffmann in Warschau? Komische Frage, die da auf einer von 18 Schautafeln zur polnischen Geschichte steht. Aber sie macht neugierig. Neugier. Auch das ist ein Gewinn der seit Dienstag im Magdeburger Einewelt-Haus von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen-Anhalt noch bis zum kommenden Montag präsentierten Ausstellung. Sie wurde vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt konzipiert und anlässlich des polnischen Nationalfeiertages, des Tages der polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791, eröffnet.

Was also machte E.T.A. Hoffmann in Warschau? Der deutsche Dichter, Zeichner und Komponist war auch preußischer Beamter und wurde 1804 als Regierungsrat nach Warschau versetzt. Warschau gehörte damals zu Preußen – ein Ergebnis der dritten polnischen Teilung 1795. Hoffmann gab aufgrund eines preußischen Erlasses den Warschauer Juden Nachnamen. Auf seine Initiative wurde aber auch die "Musikalische Gesellschaft" gegründet. Und der Lehrer Frédéric Chopins, Jozef Eisner, nahm Kompositionen Hoffmanns in die polnische Liedsammlung "Wybor pieknych dziel musycznych i piesni polskich" (etwa: Auswahl der schönsten Werke der polnischen Lieder) auf. In Warschau entwarf Hoffmann Bühnendekorationen und dirigierte zum ersten Mal.

Könnte diese Episode nicht auch im Geschichts-, Literatur- oder Musikunterricht in der Schule eine Rolle spielen? Immerhin ist die Warschauer Zeit dieses Deutschen ein anschauliches Beispiel für eine vielschichtige gemeinsame Vergangenheit von Deutschen und Polen. Die 18 Tafeln dieser Ausstellung veranschaulichen gemeinsame Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Schulen können sie bestellen.

Die Deutschen bringen ihren östlichen Nachbarn weit weniger Aufmerksamkeit entgegen als umgekehrt. Warum das so ist, habe viel mit den Nationsbildungsprozessen zu tun, sagt Dr. Magdalena Telus. Die Polnischlektorin im Studiengang European Studies an der Otto- von-Guericke-Universität Magdeburg greift weit zurück in die Geschichte. Sie erinnert an die polnische Adelsrepublik. Sie würdigt die Mai-Verfassung von 1791, die als erste moderne Verfassung Europas im Sinne der Aufklärung gilt. Sie ruft die drei polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795 ins Gedächtnis.

Und sie schlägt einen Bogen zum Hambacher Fest vom 27. bis 30. Mai 1832 und der Forderung der frühliberalen bürgerlichen Opposition nach deutscher Einheit, Freiheit und Demokratie.Auf dem Hambacher Fest waren etwa 30000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Auch Tausende Polen, die nach dem Scheitern des Novemberaufstandes 1831 gegen den russischen Zaren über Deutschland nach Frankreich flohen. "Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete!...", schloss der Publizist Philipp Jakob Siebenpfeiffer seine Eröffnungsrede.

Soweit die Geschichte. Aus deutscher Sicht, wo nach einem starken Staat gestrebt wurde, wurde der polnische Staat, der nach der dritten Teilung durch Russland, Preußen und Österreich nicht mehr bestand, als chaotisch und unregierbar wahrgenommen, sagt Telus. Daraus resultierten auch "Stereotypen der langen Dauer", wie sie erklärt. Etwa das abwertende Wort von der "Polenwirtschaft" auf deutscher Seite. Oder das polnische Vorurteil: "Die Deutschen sind zwar stark, aber wir Polen haben Geist." Während also von deutscher Seite Polen zu nicht mehr als einer Episode wurde, positionierte man sich auf polnischer Seite zum relevanten anderen, wie Telus erläuterte.

Die historischen Gedächtnisse der Völker sind lang. Das mag erklären, warum im Jahr 2008 beispielsweise 100000 junge Polen im Fach deutsche Sprache ihr Abitur machten, während in Deutschland lediglich 5700 ihrer Altersgenossen Polnisch lernten.

Schwerwiegender allerdings ist der von Telus kritisierte Sachverhalt, dass polnische Geschichte in deutschen Schulbüchern so gut wie nicht stattfindet. Sie sei besorgtdarüber, dass auf diesen Seiten beispielsweise der Zweite Weltkrieg in Polen "nicht präsent" ist, sagt sie.

Aber es sei möglich, im Unterricht über polnischen Widerstand zu sprechen, wenn die französische Résistance dran ist. Oder auch über die polnische Verfassung vom 3. Mai 1791, wenn die französische Verfassung Thema ist. Immerhin wird derzeit an einem deutsch-polnischen Geschichtsbuch gearbeitet.

Man kommt aber einander nicht näher, bleibt man bei der Diagnose stehen. Wer erlebt, wie sich Polen in Deutschland integrieren, fließend Deutsch sprechen und gute, anerkannte Fachleute sind, dem ist es mitunter schon mal peinlich, weil er von Polen und von Polnisch keine Ahnung hat. Freilich ist "Polenwirtschaft" durchaus zu beobachten – im boomenden Warschau und in leistungsstarken polnischen IT-Firmen zum Beispiel.

Marcin Wiatr, seit 2010 Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Magdeburg, vermittelte bei der Ausstellungseröffnung eine Ahnung davon, wie viel polnische Geschichte mit der heutigen Europäischen Union zu tun hat. Sei es die Abstimmung nachdem Mehrheitsprinzip, die in der polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791 festgeschrieben war oder die einheitliche Währung in einem Vielvölkerstaat.

"Deutsche und Polen haben viel mehr Gemeinsamkeiten als wir glauben", sagt Krzysztof Blau, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen-Anhalt. Er erinnerte unter anderem daran, dass Oda von Haldensleben (vor 962 bis 1023) die zweite christliche Ehefrau des polnischen Herzogs Mieszko I. war.

Und heute? Da sei Polen für Sachsen-Anhalt und alle ostdeutschen Bundesländer der größte Wirtschaftspartner. Das ist sicher auch ein Thema des Polnischen Tages im Rahmen der Europa-Woche am kommenden Montag um 17 Uhr im Einewelt-Haus in der Magdeburger Schellingstraße. Dort wird der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Polnischen Botschaft, Dr. Tomasz Kalinowsi, zum Thema "Deutsch-Polnische Beziehungen – Motor für Europa" sprechen. Zugleich stellt sich die Partnerregion Masowien vor.

 

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