Von Christoph Trost und Henning Otte

Solange CSU und CDU in Bayern und Baden-Württemberg die Macht abonniert hatten, gab es zumeist ein Miteinander der beiden Südländer. Doch nun ist Daimler-Land in Grünen-Hand. Und Horst Seehofer möchte sich das Schicksal von Stefan Mappus ersparen.

Während vor nicht einmal drei Monaten noch die "Kraft des Südens" beschworen wurde. herrscht jetzt der "Wettbewerb der Systeme": Die Beziehungen zwischen den beiden Südländern Bayern und Baden-Württemberg sind angesichts des grün-roten Wahlsiegs im Ländle fast auf dem Nullpunkt angekommen.

Die CSU, für die die baden-württembergische CDU immer ein Partner bei der Durchsetzung gemeinsamer Interessen in Berlin war, muss sich neu sortieren – und hat sich für die direkte Kampfansage entschieden. "Bisher hatten wir einen Wettstreit innerhalb gleicher Grundüberzeugungen. Jetzt führen wir einen Wettbewerb unter anderen Vorzeichen. Wir haben nun einen Wettbewerb der Systeme", sagte Regierungschef Horst Seehofer in einem Interview.

Die Replik hat es in sich: Baden-Württembergs SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel wirft Seehofer "Kalter-Krieg-Rhetorik" vor. Zugleich sieht der Sozialdemokrat überhaupt keinen Grund, unter den bisherigen Bedingungen weiter auf der "Südschiene" zu fahren. "Die Südschiene war immer zum Vorteil von Bayern und zum Nachteil von Baden-Württemberg." Als Beispiel nennt er den TÜV Süd, dessen Sitz seit der Fusion in Bayern liegt.

Wenn es etwa um wichtige Verkehrsprojekte gehe wie Stuttgart 21, sei auf die Bayern zudem kein Verlass. "Die haben öffentlich gesagt: "toll", aber heimlich für ihre Projekte gekämpft", moniert Schmiedel. Es spreche für sich, wenn CSU-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer den Baden-Württembergern das "vergiftete Angebot" unterbreite, das Bahnhofsprojekt von der ICE-Neubaustrecke zu trennen. Es gehe künftig nicht mehr um die "Südschiene", sondern darum, nach ähnlichen Interessen zu schauen und sich dann gegenüber Berlin gemeinsam aufzustellen, sagt Schmiedel. Beispiel: Der dringende weitere Ausbau der Autobahn 8 zwischen Stuttgart und München.

Seehofer wird sich nach CDU-Regierungschef Stefan Mappus zurücksehnen, den die CSU bei einem kleinen Parteitag im Februar noch nach Kräften zu unterstützen versuchte. "Kraft des Südens" war das Motto, und der CDU-Mann durfte die Hauptrede halten. Seehofer schwärmte damals, der Süden sei "die Herzkammer der deutschen Politik".

Dabei hat – und darüber täuschen die aktuellen Verbalgefechte um das vermeintlich plötzliche Ende der Südschiene hinweg – dieses Herz schon in den vergangenen Jahren unterschiedlich kraftvoll geschlagen. Schon unter Mappus’ Vorgänger Günther Oettinger (CDU) war das Herz spürbar aus dem Takt geraten – zu unterschiedlich waren Oettinger und Seehofer in ihrem Wesen und vor allem in ihren politischen Ansichten. Ob beim Thema Steuersenkungen oder der Neuordnung der Landesbanken, die beiden steuerten in entgegengesetzte Richtungen.

Unter Mappus war es vor allem ein Thema, das die beiden Südländer vereinte: der Kampf gegen den Länderfinanzausgleich. Eine Klage in Karlsruhe ist vorbereitet. Doch ob Baden-Württemberg weiter mitzieht, ist unter Grün-Rot nicht mehr ganz so sicher. Der designierte Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann will den Finanzausgleich ebenfalls neu regeln und schließt eine Klage nicht aus. Der angehende Finanzminister Nils Schmid (SPD) hat aber – womöglich mit Rücksicht auf die kommenden Wahlen unter anderem im rot-roten Nehmerland Berlin – das Tempo herausgenommen.

Bayerns FDP-Fraktionschef Thomas Hacker baut schon mal vor: Der Freistaat könne ja auch nur zusammen mit Hessen nach Karlsruhe ziehen. "Damit hätten wir dann auch keine Probleme." Und mit Blick auf Grün-Rot im Ländle sagt er: "Ich bin zuversichtlich, dass die Bevölkerung sehr schnell erkennt, wen sie da in die Regierung gewählt hat."

CSU-Fraktionsvize Alexander König betont, einen Wettbewerb zwischen den beiden Ländern habe es immer gegeben. "Jetzt wird es halt spannender." Schwarz-Gelb in Bayern weiß: Sollte das grün-rote Bündnis im Nachbarland nicht von übermäßigem Erfolg gekrönt sein, könnte das CSU und FDP in Bayern nutzen – bei der Landtagswahl 2013.(dpa)