Von Can Merey

Es ist ein heikler Drahtseilakt, den Pakistans Premier Yousuf Raza Gilani vollführen muss. Washington verprellen kann er nicht, weil sein Land am finanziellen Tropf der USA hängt. Seinem Volk – in dem die Amerikaner verhasst sind – muss er zugleich deutlich machen, dass er eigenmächtige US-Operationen wie die zur Tötung von Osama bin Laden nicht dulden kann. Vor dem Parlament drohte Gilani den USA im Wiederholungsfall offen mit Gegengewalt, die Armee stellte die Zusammenarbeit mit den USA infrage. Zweifel an der Echtheit der Empörung nährt nun der britische "Guardian".

Die Zeitung berichtet unter Berufung auf anonyme Quellen aus beiden Ländern über ein angebliches Geheimabkommen zwischen dem früheren US-Präsidenten George W. Bush und dem ehemaligen pakistanischen Militärmachthaber Pervez Musharraf: Die zwei Regierungschefs hätten nach der Flucht Bin Ladens aus Afghanistan Ende 2001 vereinbart, dass die USA das Recht hätten, den Al-Qaida-Chef eigenmächtig in Pakistan zu verfolgen, schreibt die Zeitung. In einem solchen Fall würde Pakistan anschließend lautstark gegen den Einsatz protestieren.

Der "Guardian" zitiert eine hochrangige pakistanische Quelle, wonach die pakistanische Armee das Abkommen im Februar 2008 erneuert habe. Damals war Musharraf noch Präsident, aber eine zivile Regierung war bereits gewählt. "Was unsere amerikanischen Freunde angeht, so haben sie das Abkommen nur umgesetzt", sagt der Pakistaner. Und ein mit dem Fall vertrauter Amerikaner meint nach Angaben des Blattes, die pakistanischen Proteste seien nur das "öffentliche Gesicht" der Vereinbarung. "Wir wussten, dass sie diese Sache dementieren würden."

Ob nur die Armee oder auch die Zivilregierung von dem Abkommen wusste – oder ob es diesen brisanten Deal in Wirklichkeit gar nicht gab, wird kaum zu belegen sein. Parallelen ließen sich möglicherweise zu Drohnen-Angriffen ziehen, mit denen der US-Geheimdienst CIA Extremisten im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan bekämpft. Öffentlich verurteilt Islamabad die Einsätze, während Pakistans Militär unter der Hand einräumt, die Amerikaner mit Zieldaten zu versorgen.

Außer Frage steht, dass sich die Beziehungen zwischen Washington und Islamabad auf ihrem tiefsten Punkt seit dem 11. September 2001 befinden. Die "New York Times" berichtete, die gegen Bin Laden eingesetzten amerikanischen Spezialeinheiten seien autorisiert gewesen, sich den Rückweg aus Pakistan heraus notfalls freizuschießen. US-Präsident Barack Obama habe bewusst eine militärische Konfrontation in Kauf genommen – mit Sicherheitskräften eines Landes, das offiziell immer noch ein Alliierter ist.

Pakistan kontert mit Nadelstichen. Die "New York Times" berichtet über Ärger in der CIA über den vorgeblichen pakistanischen Partner, den Militär-Geheimdienst ISI. Der ISI habe einheimischen Medien zum zweiten Mal in fünf Monaten die Identität des jeweiligen CIA-Repräsentanten in Islamabad gesteckt. Die Enttarnung sei nach Einschätzung amerikanischer Behördenvertreter ein bewusster Versuch, die Arbeit des US-Geheimdienstes nach der Tötung Bin Ladens zu erschweren.(dpa)