Von Georg Ismar

Etwas ungelenk wirkt es, als sich Norbert Röttgen nach dem Verhandlungsmarathon im Kanzleramt aufs Rad schwingt und in die warme Berliner Nacht entschwindet. Ganz grün gibt sich der CDU-Umweltminister, der angesichts eines fast historisch zu nennenden Atomausstiegsbeschlusses erschöpft ist, aber lächelt. Sofortiges Aus für acht AKW und für die übrigen bis spätestens 2022: Es ist ein stiller Triumph, den Röttgen genießt.

"Kampfzone", das Wort hat er seit Fukushima häufig benutzt: Man müsse das Atomthema herausholen aus selbiger. Die CDU setze ihren Charakter als Volkspartei aufs Spiel, wenn sie nicht umsteuere, betonte der Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit intern. Er erzürnte die Industrie und die Atomkonzerne mit seinem Anti-Atom-Einsatz. Röttgen konterte: Unternehmen, die einen neuen Energiekonsens nicht mittragen, "werden das Schicksal der Dinosaurier teilen und aussterben".

Vor dem 11. März hatte Röttgen mangels Herausforderungen in Berlin den Fokus der Arbeit nach Meinung von Mitarbeitern zu sehr auf den CDU-Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen konzentriert. Nun ist es umgekehrt. In Düsseldorf wird er kaum noch gesehen. Der dreifache Vater könnte zum 25-jährigen Jubiläum seines Ministeriums am 6. Juni als der Minister in die Geschichte eingehen, der einen endgültigen Atomausstieg durchsetzt. Just am Jubiläumstag entscheidet das Kabinett über das Atomgesetz. Vergessen sein fragwürdiges Krisenmanagement beim E10-Desaster.

Er findet es nicht in Ordnung, dass er im Herbst als Verlierer im Kampf um die Laufzeitverlängerung abgestempelt wurde. Damals musste er im Schnitt zwölf Jahre längere Laufzeiten schlucken. Nach seiner Lesart verhinderte der Einsatz für eine möglichst kurze Atombrücke in das Zeitalter der Ökoenergien noch längere Laufzeiten.

Der 45 Jahre alte Jurist, CDU-Mitglied seit 1982, tritt seit langem für eine Annäherung an die Grünen ein. "Muttis Klügster", wie ihn Spötter nennen, betont, man müsse Politik aus den Augen unserer Kinder machen. Von Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) wurde er wegen seines Bremsens in der Laufzeitfrage 2010 indirekt zum Rücktritt aufgefordert. Doch dafür musste Röttgen anders als mancher Unionspolitiker von früheren Atom-Aussagen nichts zurücknehmen.

Nach der Atom-Wende ist aber vor der Energie-Wende. Nun gilt es, dafür zu sorgen, dass der Umbau der Energiewirtschaft funktioniert. Die größte Herausforderung dürfte in der Endlagerfrage liegen. Röttgen deutet an, dass er sich eine bundesweite Endlagersuche vorstellen kann – und wird dabei plötzlich sogar von CSU-Chef Horst Seehofer unterstützt. Zweimal war Röttgen in Gorleben. Da konnte er feststellen, was eine Kampfzone ist.(dpa)