Daniela Willus begann nach ihrem Abitur Kunstgeschichte zu studieren. Doch schnell merkte die Essenerin: "Ich will arbeiten, Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen." Sie bewarb sich bei einer kleinen Werbeagentur. Wenige Jahre später war sie Projektleiterin: "Ich lebte nur noch für die Arbeit, eine Messe nach der anderen, fast jedes Wochenende und bis in die Nacht", erzählt die 32-Jährige.

Heute sitzt Willus am Empfang eines anderen Düsseldorfer Unternehmens. "Klar, dafür bin ich überqualifiziert", sagt sie. Doch der Verdienst sei nicht schlecht und sie habe viel mehr Freizeit. "Zum Beispiel für meinen Mann", sagt sie und lächelt.

Willus‘ beruflicher Entwicklungsweg kann stellvertretend für die Wege vieler junger Frauen ihrer Generation stehen: Mehrere Studien zeigen, dass ein Großteil der jungen Frauen zwischen 20 und 35 Jahren ehrgeizige berufliche Pläne hat – und dennoch häufig jungen Männern den Vortritt lassen müssen.

Eigentlich ist die neue Generation dieser sogenannten Alpha-Mädchen äußerst gebildet, unabhängig, zielstrebig und selbstbewusst, stellt eine Studie der "Brigitte" fest. Das große Lebensziel der Frauen heißt Selbstverwirklichung – auch im Beruf. Unter den 20- bis 30-jährigen Führungskräften liegt der Frauenanteil mittlerweile bei immerhin fast 25 Prozent. Der größte Teil der Positionen mit leitender Tätigkeit bleibt aber in Männerhänden.

Die Shell-Jugendstudien erklären den Rückstand mit einem anderen Wertebewusstsein der Frauen: Trotz ihrer Karriereambitionen sind junge Frauen nicht nur ausgeprägt leistungsorientiert, sondern im Vergleich zu Männern im gleichen Alter stärker auf soziale Nahbeziehungen wie Familie und Partnerschaft sowie die Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gefühlen bedacht.

Für die Berliner Englisch-Dozentin Susanna Rahm ist klar, dass sie ihren Job sehr gern macht – "aber mein Privatleben ist mir schon noch wichtiger". Sie ist frisch verheiratet, und ihre Ehe samt Haushalt hat Priorität. Junge Männer scheinen indes eher ein wettstreit-orientiertes Lebenskonzept vorzuziehen.

Die Frauen wollen keine Entweder-oder-Entscheidung, sondern Nachwuchs und einen sie erfüllenden Beruf miteinander vereinbaren. Doch die Gründe, die Karrieren von ambitionierten Frauen verhindern, sind vielfältig. Immer noch gibt es laut Umfragen häufig Diskriminierung am Arbeitsplatz. Dabei handelt es sich meist um subtile Benachteiligungen wie sexistisches Misstrauen in berufliche Fähigkeiten. Mangelnde Förderung sei außerdem ein Karrierehemmnis, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Doch scheint der Knackpunkt für die weibliche Karrierebehinderung weiterhin die oft schwierige Vereinbarkeit von Job und Kindern zu sein. Jede zweite Frau habe wegen eigener Familienplanungen ihre Karrierewünsche aufgegeben oder geändert, ergab eine weitere Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Rund 90 Prozent der Deutschen sehen Frauen durch die Doppelbelastung von Familie und Beruf nach wie vor in ihrer Karriere benachteiligt, heißt es.

Bei der Berlinerin Susanna Rahm liegt gerade ein neuer Arbeitsvertrag auf dem Tisch. Doch sie weiß nicht, ob sie unterschreiben soll.Vor zwei Wochen bekam sie die gute Nachricht: Sie ist schwanger.(epd)