Von Sabine Dobel und Eva Krafczyk

Frisches Wasser, Nahrung und Bildung – eine Fernseh-Wette hat das Leben Hunderttausender Menschen in Äthiopien verändert. Nach einer "Wetten, dass...?"-Sendung gründete der Schauspieler Karlheinz Böhm vor 30 Jahren die Hilfsorganisation Menschen für Menschen.

Im Jubiläumsjahr startet die Stiftung zwei neue Projekte in Borena nördlich und in Ginde Beret nordwestlich der Hauptstadt Addis Abeba. Bundesentwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) und voraussichtlich Äthiopiens Bundespräsident Girma Woldegiorgis werden morgen in Addis Abeba dazu sprechen.

Seit der Gründung von Menschen für Menschen 1981 haben die Helfer mehr als 250 Schulen, mehr als 80 Krankenstationen und knapp 1500 Wasserstellen gebaut. Zehntausende Äthiopier bekamen in Landwirtschaftskursen bessere Methoden zur Bewirtschaftung ihres kargen Landes gezeigt.

"Unser Leben hat sich verändert", fasste eine Frau in Alem Katema bei der Eröffnung einer Straße vor knapp zwei Jahren zusammen. Vater Karl, Doktor Karl oder Mister Karl nennen die Äthiopier Karlheinz Böhm – in der Landessprache Amharisch: Ato Karl.

Böhms Rollenwechsel vom Filmstar und Idol aus den "Sissi"-Filmen der 1950er Jahre zum Kämpfer gegen Armut brachte die dritte Folge von "Wetten dass...?" am 16. Mai 1981. Böhm wettete, dass nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schilling für die Sahelzone spenden würde. Er behielt Recht, jedoch kamen 1,2 Millionen Mark (rund 610 000 Euro) zusammen.

Er bot in den Botschaften von Tschad, Sudan und Äthiopien die Hilfe an. Nur Äthiopien erlaubte ihm, das Geld selbst zu bringen und ohne Vorschriften zu verwenden. "Ich habe keine Bedingung gestellt – außer dass man keine Bedingungen an mich stellt", sagte Böhm zu seinem 80. Geburtstag. In der Hilfe für die Ärmsten fand Böhm die Rolle seines Lebens.

In Äthiopien lernte Böhm seine vierte, die mehr als 30 Jahre jüngere Frau Almaz kennen. Die 47-jährige Agrar-Expertin und Mutter zweier gemeinsamer Kinder leitet inzwischen als geschäftsführender Vorstand wesentlich die Arbeit in ihrer Heimat.

Mehr als hundert Millionen Baumsetzlinge zur Aufforstung pflanzten die Einheimischen mit Hilfe von Menschen für Menschen und errichteten fast 40 000 Kilometer Terrassierungen und Erdwälle gegen die Erosion. Denn der Klimawandel trifft Äthiopien zweifach: Mit Dürre und Überschwemmungen. "In Europa kann sich das niemand vorstellen. Eine Flut in Äthiopien?", erläutert Almaz Böhm auf der Homepage der Organisation. "Wir treiben die Aufforstung voran, damit der Boden bei starkem Regen den Bauern nicht wortwörtlich unter den Füßen davonrutscht."

2008 startete Menschen für Menschen die Kampagne "ABC – 2015". Nur jeder zweite Äthiopier kann lesen, rund 40 Prozent der schulpflichtigen Kinder besuchen keine Schule. Vor allem die Mädchen müssen Brennholz sammeln und von weit her Wasser holen – ein Ganztagsjob, der keine Zeit für Schule lässt. Die Helfer sorgen deshalb zuerst für den Bau von Straßen, Wasserstellen und besseren Öfen – die Infrastruktur muss stimmen.

Dann folgen Schulen, Hilfe in der Landwirtschaft, Förderung der Frauen etwa mit Mikrokrediten und Gesundheitsaufklärung. Neben Malaria, Typhus, Tuberkulose und bakteriell bedingter Erblindung bleibt Aids eines der größten Probleme.

Noch immer gibt es extrem frühe Verheiratung sowie Beschneidung von Mädchen. "Überlieferte Normen haben vor allem im ländlichen Afrika immer noch ein übermächtiges Gewicht", sagt Almaz Böhm. "Der Anstoß zur Veränderung musste von außen kommen, von einem Ausländer: Mein Mann war der erste, der das heikle Thema in die Öffentlichkeit brachte." Das Bewusstsein wächst – wenngleich langsam. Nach einer im November 2010 veröffentlichten Unicef-Studie sind in Äthiopien rund 30 Prozent der verheirateten Frauen weiter für die Beschneidung – deutlich weniger immerhin als in Ägypten und im Sudan. (dpa)