Von Rolf Schraa

Rente mit 67 wäre für Fritz Pleitgen ein Erholungsprogramm gewesen. Der ehemalige WDR-Intendant und Kulturhauptstadt-Chef, 72 Jahre alt, hat im zu Ende gehenden Jahr nach eigener Schätzung immer noch 70 bis 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Der gebürtige Duisburger war als Ruhr.2010-Spitzenmann "das Gesicht des Reviers". Nun räumt Pleitgen seinen Schreibtisch in Essen.

Der Ballungsraum an der Ruhr mit etwa fünf Millionen Menschen hat seine Zeit als "Kohlenpott" mit schweren Umweltlasten lange hinter sich. Das wollte Pleitgen mit dem Ruhr.2010-Programm zeigen, Vorurteile abräumen und "neue Bilder vom Ruhrgebiet um die Welt schicken". Die Arbeit ist erfolgreich beendet.

Fritz Pleitgen ist groß, schlank mit weißen Haaren. Er trägt bei der Arbeit Krawatte und gut geschnittene Anzüge. Seine Formulierungen kommen gern mit Ironie und leichtem Understatement – ein Mann, der beruflich alles erreicht hat. Greift jemand sein Projekt für das Ruhrgebiet an, geht er aber gern und direkt in den Nahkampf. Als die Kulturhauptstadt mit der tragisch gescheiterten Loveparade ihr Fiasko erlebte, war Pleitgen einer der wenigen, der sofort an die Unglücksstelle fuhr und öffentlich eine moralische Mitverantwortung einräumte.

Für die Kulturhauptstadt war der geschulte Blick des Fernsehmanns Pleitgen unentbehrlich. Dass die Eröffnungsfeier – Anfang Januar – notfalls im Schneetreiben stattfinden würde, setzte Pleitgen Bedenken durch. Er wusste: Bundespräsident mit dicker Jacke, Orchester und Ballett im Schnee vor Koksöfen – das sind die Bilder, die Fernsehleute brauchen.

Pleitgens Privatleben hat in den vergangenen Jahren unter der Kulturhauptstadt gelitten. Er ist Familienmensch mit vier Kindern und drei Enkeln und dem Hovawart-Hund "Theo". Seine Frau hat ihn in 41 Jahren Ehe zu allen Stationen begleitet. Um die ganze Familie wenigstens einmal im Jahr längere Zeit zu sehen, hat er ein Familientreffen eingeführt. Nach der Kulturhauptstadt geht es dazu nach Mallorca.

Pleitgen plant mal wieder eine Russlandreise – dort war er lange Korrespondent – will viel lesen und auch selbst schreiben. Neuerdings bekommt Pleitgen allerdings viele Anrufe. Ihm werden hervorragende Aufgaben angeboten. "Ich lehne alles ab", beteuert er – noch.(dpa)