Vor kurzem ist wieder ein Cousin entführt, gefoltert und umgebracht worden. Spätestens da wusste Lucio Yaxon, dass sein Entschluss richtig war, Guatemala zu verlassen. Seit einem Jahr lebt der 27-Jährige im politischen Asyl in Deutschland. Yaxon ist Rapper. Er ist klein, trägt Kinnbart, Ohrringe, Schirmmütze und Kapuzenjacke.

In Berlin, wo er in einer Kreuzberger WG wohnt, fühlt Yaxon sich nicht wohl in seiner Haut. "Eigentlich will man aus seinem Land nicht weg. Ich bin nicht freiwillig hier", sagt er. Seine Familie habe ihn so lange gedrängt, bis er die Koffer gepackt habe.

Dass er in Deutschland als politisch Verfolgter anerkannt wurde, hat mit dem Film "La Isla" von 2010 zu tun. Der deutsche Regisseur Ulrich Stelzner dokumentiert darin die Auswertung eines geheimen Militärarchivs, das 2005 bei einer Explosion auf einem Kasernengelände in Guatemala-Stadt freigelegt worden war.

In dem Archiv finden sich brisante Papiere, die die Verbrechen der Armee während des Bürgerkriegs (1960-1996) an der indianischen Bevölkerung belegen. "Willkommen in der guatemaltekischen Realität", rappt Yaxon in einem Musikstück, das er eigens für den Film schrieb. Darin beklagt er die Kultur der Straflosigkeit – und das Schweigen, das die Kriegsverbrechen in seinem Land bis heute umgibt.

So offen seine Meinung zu äußern, ist bis heute gefährlich in Guatemala. Im Bürgerkrieg zwischen Armee und Guerilla wurden in dem mittelamerikanischen Land mehr als 200 000 Menschen getötet, über eine Million Menschen mussten fliehen. Das Militär löschte ganze Dörfer aus, rund 45 000 Menschen gelten immer noch als vermisst.

Yaxon hoffte, durch das Stöbern in den Geheimakten Schuldige zur Rechenschaft ziehen zu können. Er gehört zu den Kaqchikel – einer Maya-Volksgruppe. Zugleich suchte er in den Unterlagen nach seiner eigenen Geschichte. 1995, ein Jahr vor dem Friedensvertrag, war sein Vater entführt worden. Vier Tage später fand man ihn tot an der Küste, mit Folterspuren. Dass das Militär hinter den Morden steckt, davon ist der Rapper überzeugt. Denn seine Eltern hatten sich einer linken Guerilla-Organisation angeschlossen, als er noch klein war.

"Ich bin ein Kind des Krieges", sagt der Musiker und Streetworker. Um sich vor Armee-Angriffen in den Bergen zu schützen, unterstützten seine Eltern die Guerilla, versorgten Kämpfer mit Munition und Lebensmitteln.

Für die Kinder hieß das, mal Unterschlupf bei Verwandten, mal bei den Guerilleros zu finden. "Eine Kindheit voller Liebe kenne ich nicht", sagt Yaxon. "Der Feind konnte dein Nachbar sein oder dein Cousin."

Yaxon war einer der ersten Jugendlichen in Guatemala, der Rap in einer indianischen Sprache getextet hat – obwohl schon das ein Bekenntnis ist, das einen zur Zielscheibe machen kann. Der Hip-Hop Guatemalas transportiert politische Botschaften über Korruption, Krieg und den Widerstand der Maya-Nachfahren gegen die Elite. Wer Tattoos, Ohrringe und Kapuzenjacke trägt und Rap-Musik hört, gerät daher schnell ins Visier der Sicherheitskräfte.

Jugendliche würden in Guatemala von Polizisten für kriminelle Machenschaften engagiert – und anschließend ermordet, sagt Yaxon. "Ich setze dem etwas Kulturelles entgegen." Linke Ideologien seien ihm suspekt. Yaxon sah sich mehr als "Ameisenarbeiter", der Rap, Straßentheater und Graffiti für die Arbeit mit Jugendbanden nutzte.

In Deutschland hält er Vorträge über Guatemala und schmiedet Pläne für Musikprojekte. Wie lange er es fern der Heimat aushält, kann er nicht sagen. Vielleicht wird er eines Tages nach Guatemala zurückkehren. Yaxon: "Wenn sie mich töten, dann töten sie mich eben.(epd)