Von Steffen Honig

Die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover hat trotz doppelter Einwohnerzahl das gleiche Problem wie Sachsen-Anhalts Kapitale Magdeburg: Ihr fehlt der Glanz einer Metropole. Aber einige schillernde Personen der Zeitgeschichte hat Hannover eben doch zu bieten.

Unter anderem den Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer und seine Freundin Veronica Ferres. Maschmeyer ist gut befreundet mit Leuten aus der Politik, die es von Hannover aus geschafft haben, höhere Weihen zu erhalten. Allen voran der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder von der SPD und der heutige Bundespräsident Christian Wulff von der CDU. Das wäre allenfalls etwas für die Klatschspalten, ginge es nur um persönliche Zuneigungen.

Doch Maschmeyer ist nicht irgendwer, sondern Gründer des AWD, der zwar als "unabhängiger Finanzoptimierer" für sich wirbt, aber mit geschlossenen Immobilienfonds schon nachweislich Privatkunden ins Elend getrieben hat.

Einige von ihnen holte Christoph Lüttgert für seinen am Mittwoch gesendeten "ARD-exklusiv"-Report über Maschmeyers Methoden und seine Verbindungen vor die Kamera. Dabei wurde deutlich, warum der Prominente von der Leine die Ausstrahlung über seine Anwälte unbedingt verhindern wollte.

Denn es ergibt sich das Bild eines Finanzkönigs, der mit einem Schneeballsystem von provisionshungrigen Vertretern ohne Rücksicht auf Verluste ein Vermögen gemacht hat. Clever baute Maschmeyer ein Netzwerk auf, in dem Politiker eine wichtige Rolle spielen. Die Parteizugehörigkeit ist egal – Maschmeyer bastelt sich seine eigene Clanwirtschaft zurecht.

Weder schriftlich noch vor der Kamera wollte sich der 51-jährige Finanzmanager selbst zu früheren AWD-Geschäftspraktiken oder seinen Politik-Kontakten äußern. Brillant setzt Autor Lüttgert die vergeblichen Versuche einer Kontaktaufnahme in Szene.

Redseliger waren da einige Politiker unterhalb der Ebene von Wulff und Schröder. Walter Riester (SPD) etwa. Der hält gern Vorträge über die Vorteile der nach ihm benannten Rentenform. Häufig auf AWD-Veranstaltungen, wo er sich mit dessen Vertretern ablichten lässt. Die setzen diese Fotos dann als Autoritätsargument bei der Kundeninformation ein. Für Riester ist das natürlich keine Werbung, sondern Information.

Auch die derzeitige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hält viel vom AWD. Sie engagierte Bert Rürup, früher Regierungsberater in Sozialfragen und heute Geschäftspartner von Maschmeyer, als Berater für die Ausweitung der Pflegeversicherung. Konfrontiert mit dem Lobbyismus-Vorwurf, murmelte sie sich mit der Floskel vom üblichen "externen Sachverstand" davon.

Im Film kommt jedoch nicht vor, dass von der demografisch bedingten notwendigen Ausweitung von Alters- und Pflegevorsorge zwangsläufig private Versicherungsanbieter profitieren werden, ob sie AWD oder anders heißen. Die letzte staatliche Versicherung Deutschlands, die der DDR, wurde nach der Wende aufgelöst.

Insgesamt ist es jedoch ein Glanzstück an Reportage, das Christoph Lüttgert (65), bis zum Vorjahr Chefreporter des NDR, abgeliefert hat. Kein Vergleich zu den Enthüllungshäppchen, die die ARD-Politmagazine von "Kontraste" bis "Fakt" meist bieten. Gern also mehr davon für’s Gebührengeld.