Von Ruppert Mayr und Jacek Lepiarz

Schrecken und Betroffenheit steht Bundespräsident Christian Wulff ins Gesicht geschrieben. Er ist das erste Mal in Auschwitz-Birkenau, dem schlimmsten Vernichtungslager der NS-Zeit. "Es ist vielleicht der schwierigste Ort, an den man sich als Deutscher begeben kann", sagt er am Donnerstag zum 66. Jahrestag der Befreiung des Lagers.

Als erster Bundespräsident spricht Wulff in Auschwitz – es ist eine kurze Rede. Zwar lang genug, um klarzumachen, dass es auf deutscher Seite keinen Zweifel an der Verantwortung für das Unfassbare, Unsagbare, Unbeschreibliche gibt. Aber auch kurz genug, um jeglichen Anschein von Ausreden zu vermeiden. Wulffs Vorgänger hatten an diesem Ort Schweigen vorgezogen.

Vertreter jüdischer Organisationen begleiten Wulff. Darunter ist die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und ihr Nachfolger, Dieter Graumann. Ihr Amtswechsel steht für den Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegsgeneration. "Ich war bislang noch in keinem Vernichtungslager", sagt Graumann. "Und dann gleich Auschwitz, das mit meiner ganzen Familiengeschichte so düster und dramatisch verbunden ist."

Auschwitz-Birkenau war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Auf polnisch heißt Auschwitz Oswiecim. Aus dieser Gegend kommt Joanna. Sie glaubt, die jungen Deutschen wüssten kaum noch etwas über das Vernichtungslager. Daher freue sie sich, dass Freiwillige aus Deutschland, Österreich oder der Ukraine Praktika an der Jugendbegegnungsstätte machten. Wulff und der polnische Präsident Bronislaw Komorowski sind sich einig: Sie wollen das Wissen der Jugendlichen über diesen Teil der Geschichte vertiefen.

"Es gibt keine Aussöhnung, wenn man die Geschichte, wenn man die Wahrheit nicht kennt", mahnt Komorowski in einem Gespräch der beiden Präsidenten mit den Jugendlichen in dem Ort 60 Kilometer westlich von Krakau.

Wulff fordert die Jugendlichen zum Hinschauen auf, "sich selber verantwortlich zu fühlen. (...) Man muss seinen eigenen Verstand nutzen." Dazu will der Bundespräsident auch seine eigenen Kinder erziehen. Demonstrativ hatte er im vergangenen Jahr seine 17-jährige Tochter Annalena mit nach Israel und zur Gedenkstätte Yad Vaschem genommen.

Der Bundespräsident wird in Auschwitz auch von den inzwischen betagten Überlebenden des Konzentrationslagers begleitet. Je weniger Überlebende noch persönlich berichten könnten, umso wichtiger würden schriftliche, fotografische und filmische Zeugnisse sowie der Erhalt der Erinnerungsstätten, vor allem der Gedenkstätte Auschwitz, sagt Wulff.

Viele historische Gebäude sind vom Verfall bedroht; die Leitung des Museums hatte bereits vor zwei Jahren um Hilfe gebeten. Für die Erinnerungsstätte in Auschwitz-Birkenau sollen deshalb insgesamt 120 Millionen Euro bereitgestellt werden. 60 Millionen Euro kommen aus Deutschland. Hälfte von Bund und Ländern. Für die andere Hälfte wollen Staaten wie etwa Österreich oder die USA aufkommen.(dpa)