Leerstehende Geschäfte in der Fußgängerzone, dafür aber bereits sieben große Seniorenheime. Während viele Jüngere die 60 000-Einwohner-Stadt Menden in Nordrhein-Westfalen verlassen, bleiben häufig Ältere ohne Familien- angehörige zurück. Wenn noch etwas boomt, dann ist es die Altenpflege. Eine solche Entwicklung findet sich überall in Deutschland.

Die FDP macht nun in der schwarz-gelben Koalition Druck, damit mehr Menschen in den eigenen vier Wänden alt werden können. Studien belegen: Deutschland könnte eine "graue Wohnungsnot" drohen.

Der baupolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Sebastian Körber, ist selbst Architekt. Der 30-Jährige gestaltet derzeit auch für seine Großmutter die Wohnung altengerecht um. Schon mit relativ wenig Aufwand ließen sich solche Modernisierungen vornehmen, sagt er. Etwa im Bad einen Wendekreis von 1,6 Metern für einen Rollstuhl zu schaffen oder den Eingangsbereich barrierefrei zu gestalten. "Wünschenswert wäre eine Verzehnfachung der Quote des altengerechten und barrierefreien Wohnraums von aktuell 2 auf 20 Prozent bis 2030", sagt Körber. Bisher seien nur 1,4 Prozent der Wohnungen und Häuser in Deutschland barrierefrei.

Auf der Architekturmesse BAU in München wurde gerade eine Umfrage vorgestellt, wonach zwei Drittel der Bürger zu Hause alt werden wollen. Bereits 2025 dürften in einem Viertel der Haushalte Bewohner leben, die 70 Jahre und älter sind, betont der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW). "Dies sind rund zehn Millionen Haushalte 70-plus", so der Verband, der natürlich ein Interesse daran hat, dass nicht zahllose Immobilien wegen des demografischen Wandels plötzlich nicht mehr zu vermitteln sind.

Für Neubauten solle geprüft werden, ob verpflichtend eine Barrierefreiheit bedacht werden muss, fordert der FDP-Politiker Körber. Er schlägt vor, die Mittel des Förderprogramms der KfW-Bank für altengerechtes Umbauen von 80 Millionen Euro pro Jahr zunehmend aufzustocken. Eventuell könne es auch mit dem Sanierungsprogramm für mehr Energieeinsparungen in den bundesweit 18 Millionen Gebäuden verknüpft werden. "Das Ziel muss sein, die Immobilien in Deutschland zukunftsfest zu machen – dazu gehört Energieeffizienz und in gleichem Maße das komfortable, barrierefreie und möglichst lebenslange Wohnen in den eigenen vier Wänden", betont Körber.

Auch wenn die Bauwirtschaft auf ein solches Signal hofft: Gerade die nach Meinung von Experten zu geringe Ausstattung des Programms zur energetischen Sanierung (2011: knapp eine Milliarde Euro) zeigt, dass der Regierung das Geld angesichts des Spardrucks nicht gerade locker sitzt.

In seltener Eintracht fordern Immobilienverbände, die Gewerkschaft IG BAU und der Mieterbund, dass die Politik ein langfristiges Konzept auf den Weg bringt, etwa nach dem Vorbild des bis 2050 reichenden Energiekonzepts.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird nach Prognose des Hannoveraner Pestel-Instituts in den kommenden zehn Jahren bundesweit um mehr als 500 000 auf knapp 2,9 Millionen Fälle steigen. "Darauf ist der Wohnungsmarkt in keiner Weise vorbereitet", sagt der Direktor des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten. Ohne mehr seniorengerechte Wohnungen müssten auch die in ein Heim, die eigentlich zu Hause betreut werden könnten.

Die Studie schätzt, dass mit 245 000 Menschen rund die Hälfte der zusätzlichen Pflegebedürftigen auf ein Heim verzichten könnte, wenn die Quote bei seniorengerechten Wohnungen gesteigert würde – dies entspräche einer Entlastung der Sozialkassen um rund 4,4 Milliarden Euro pro Jahr. Nach Angaben der IG BAU ist ein stationärer Pflegeplatz heute schon rund 1500 Euro pro Monat teurer als die ambulante Pflege zuhause. (dpa)