Von Elke Silberer

Die Frage lässt Uwe und Marlis Böken nicht ruhen: Warum musste ihre Tochter Jenny sterben? Was geschah am 4. September 2008 kurz vor Mitternacht an Bord der "Gorch Fock"? Die junge Frau ging bei der Nachtwache über Bord und ertrank. Die genauen Umstände wurden nie geklärt. Die Unfall-Version der Staatsanwaltschaft stellt die Eltern nicht zufrieden – zu viele Ungereimtheiten und jetzt noch Berichte über angebliche sexuelle Belästigung an Bord. "Wir erstatten Strafanzeige wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung mit Todesfolge", kündigt Marlis Böken gestern an.

Der Verdacht keimte auf mit den jüngsten Berichten über angebliche Missstände an Bord. "Da kam uns der Gedanke, dass da auch zu Jennys Zeiten etwas gewesen sein könnte", sagt Marlis Böken. Die E-Mail der Tochter kurz vor deren Tod spielt eine zentrale Rolle. Darin bittet die junge Frau die Mutter vom Schiff aus eindringlich, für sie einen Termin beim Gynäkologen festzumachen – unter allen Umständen, irgendwie.

Sie wollte sich noch am Abend ihrer geplanten Rückkehr am 5. September untersuchen lassen. Die Mutter denkt sich nichts dabei. "Als aber die Berichte von sexueller Nötigung kamen, meinte mein Mann: "Es kann doch sein, dass sie sich uns nicht anvertrauen wollte."

Dazu kamen Sachverhalte aus den Ermittlungsakten, die für die Eltern ungereimt waren. "Jenny stand nachts um 23.43 Uhr in einer empfindlichen Position im Bug, allein, ohne Sicherungsweste und ohne Sicherungsleine. Niemand kann mir sagen, was zum Zeitpunkt genau passiert ist, als sie über Bord ging", sagt Uwe Böken.

In den Unterlagen der Staatsanwaltschaft habe gestanden, dass das Schiff bei Windstärke sieben bis acht ruhig im Wasser lag. Nach Einschätzung erfahrener Seeleute habe das nicht sein können, sagt Marlis Böken. Das Schiff müsse eine deutliche Neigung gehabt haben. "Demnach muss die Jenny den Berg raufgefallen sein, gegen den Wind über die Reling", beschreibt die Mutter ein unvorstellbares Szenario.

Auch der mittlerweile suspendierte "Gorch-Fock"-Kapitän Norbert Schatz hatte keine Erklärung. "Er hat mir die Stelle gezeigt, an der Jenny stand und sagte er wüsste bis heute nicht, wie man da rüberfallen kann".

"Nach Ankunft der ,Gorch Fock‘ in Wilhelmshaven sind Personen mit Sonderurlaub von Bord gegangen, die bis heute nicht mehr vernommen wurden", wundert sich der Vater bis jetzt. Mittlerweile kann er sich vorstellen, dass "einige Leute an Bord" unter Druck gesetzt worden seien, "nicht alles zu sagen". Die Staatsanwaltschaft Kiel habe die Akte Jenny Böken 2009 geschlossen. Ein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wies die Generalstaatsanwaltschaft Kiel ab.

Die Eltern appellieren an mögliche Zeugen, ihr Schweigen zu brechen. Die Strafanzeige wegen Verdachts der sexuellen Nötigung ist für die Bökens wohl der letzte Versuch, Klarheit und Ruhe zu finden. Halt findet Marlis Böken im Glauben: "Ich habe immer gedacht: Es ist Gottes Wille. Das Kind hat eine Mission zu erfüllen. Die Mission kann natürlich auch sein, dass die Missstände aufgedeckt werden."(dpa)