Von Anne-Béatrice Clasmann

Nach den Unruhen in Ägypten haben Armee und Geheimdienst die Führung übernommen. Neuer Regierungschef ist ein ehemaliger Luftwaffenkommandeur. Der Vizepräsident, der vielleicht schon bald zum Nachfolger von Präsident Husni Mubarak ernannt werden könnte, ist der ehemalige Chef des Geheimdienstes. Ägypten erlebt in diesen Tagen eine Mischung aus Volksaufstand, Militärputsch und völligem Chaos. Verbrecher haben sich die Waffen der Polizei unter den Nagel gerissen. Tausende von Häftlingen können aus den Gefängnissen fliehen.

Wie konnte es soweit kommen? Am Sonnabend stehen wieder Hunderte von Demonstranten auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo. Sie fordern den Rücktritt des 82-jährigen Mubarak. Sie rufen: "Ihr habt das Land bestohlen und ausgeplündert." Mubarak, so fordern sie, solle vor Gericht gestellt werden. Einige von ihnen versuchen, mit den Soldaten ins Gespräch zu kommen, die an allen wichtigen Plätzen der Hauptstadt Position bezogen haben. Doch die Soldaten wollen sich auf politische Gespräche nicht einlassen. Sie sagen: "Wir sind nur hier, um das Volk und das Eigentum des Staates zu schützen." Die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt schon das Weite gesucht.

Die Armee wird von vielen Ägyptern respektiert. Denn im Gegensatz zur Polizei, die allgemein als brutal und korrupt gilt, hat die Armee einen halbwegs guten Ruf. Und das, obwohl sich einige Offiziere in den Jahren nach der Revolution 1952 staatlichen Besitz unter den Nagel gerissen hatten. Das Militär schützt in Kairo die wichtigsten öffentlichen Gebäude, die historische Zitadelle und den Präsidentenpalast. Doch die Menschen in den Wohnvierteln schützt niemand. Tagsüber sind auf den Straßen noch einige Demonstranten unterwegs – manchmal sind es nur einige Dutzend, manchmal Tausende. Aber abends gehören die Straßen dem Mob.

Männer mit Eisenstangen, Holzstöcken und Schlachtermessern machen Jagd auf Reiche und auf einzelne Polizisten. In Gruppen von mehreren Dutzend ziehen sie durch die Stadt. Dass Präsident Mubarak jetzt einen neuen Regierungschef und einen Vizepräsidenten ernannt hat, macht für sie keinen Unterschied. Sie plündern, töten und niemand gebietet ihnen Einhalt. So hatten sich die bürgerlichen "Facebook-Demonstranten" ihre Revolution wohl nicht vorgestellt.

Gleichzeitig regt sich Misstrauen. Viele gebildete Ägypter fragen sich: Wie kommt es, dass der – inzwischen heimgekehrte – Generalstabschef der ägyptischen Armee, Generalleutnant Sami Hafis Anan, ausgerechnet zu einer Zeit zu Gesprächen in Washington ist, in der bei ihm daheim das Volk auf die Straße geht. So mancher Ägypter will nicht ausschließen, dass dieser von Oppositionellen angezettelte Aufstand, dem sich später auch die Muslimbrüder und gewalttätige Jugendliche aus den illegalen Siedlungen anschlossen, in Wirklichkeit ein verschleierter Putsch des Militärs mit Segen der US-Regierung ist.

Denn es ist kein Geheimnis, dass Präsident Barack Obama und einige andere westliche Partner Ägyptens mit der Haltung von Mubarak & Co. in Sachen Demokratie und Menschenrechte nicht glücklich sind. Auch war die Unterstützung der Amerikaner für den Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei, der am Freitag in Kairo festgesetzt wurde, sehr deutlich. Mubarak ließ man derweil fallen wie eine heiße Kartoffel.

Möglicherweise haben die Amerikaner in der Militärspitze Verbündete gefunden, die den greisen Mubarak loswerden wollen – weil er darauf bestanden hat, bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Herbst erneut zu kandidieren oder seinen Sohn Gamal ins Rennen zu schicken. Gamal, der als Freund der neureichen Wirtschaftselite gilt, soll beim Militär nicht sonderlich beliebt sein. Über den Gesundheitszustand von Mubarak senior wird seit langem spekuliert.

Fest steht momentan nur eines: Wenn es dem Militär und der neuen Regierung des Landes nicht gelingt, die Plünderungen und die Gewalt rasch zu beenden, wird Ägypten eine Massenflucht der Oberschicht erleben. Auch ein Teil derjenigen Unternehmer, die Mubarak keine Träne nachweinen würden, sitzt wegen der schon seit einigen Monaten instabilen Lage innerlich auf gepackten Koffern. Der Tourismusunternehmer Samih Sawiris, ein koptischer Christ, hatte aus diesem Grund schon vor einer Weile seinen Firmensitz in die Schweiz verlegt.

Die große Frage lautet jetzt: Wird Mubarak doch noch ins Exil gehen? Steht ein Teil der Armee noch hinter ihm? Wie sieht der interne Machtkampf aus, der jetzt hinter den Kulissen in Kairo abläuft? Die Lage ist noch unübersichtlich. Wer sich jetzt schon über den Sturz eines weiteren Regimes freut, das keine sauberen Wahlen organisiert und Folter zulässt, ist vielleicht voreilig. (dpa)