Von Beatrice Blank

Annett Bui drechselt Tierfiguren aus Holzblöcken. Wozu, weiß die 41-Jährige selbst nicht so genau. Es ist Teil ihrer sogenannten Arbeitsgelegenheit bei einer Hamburger Beschäftigungsgesellschaft. Seit Juni 2006 bezieht die gelernte Buchbinderin und Mediengestalterin Arbeitslosengeld II. Alles, was das Jobcenter ihr anbieten kann, ist ein Ein-Euro-Job, offiziell: eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwand.

Laut Arbeitsmarktbericht der Bundesregierung sind derzeit 220 000 solcher Arbeitsgelegenheiten besetzt. Im vergangenen Jahr waren es durchschnittlich noch 280 000. Mit ihrem Sparpaket hat die Bundesregierung der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Mittel mächtig gekürzt. Sparen will die BA an den geförderten Arbeitsgelegenheiten, die sie in den vergangenen Jahren 1,7 Milliarden Euro kosteten. "Wir werden rund ein Drittel weniger Arbeitsgelegenheiten haben als bisher", sagt BA-Sprecherin Anja Huth.

Ein-Euro-Jobs seien "das letzte Mittel", so Huth. Arbeitslose würden von den Vermittlern im Jobcenter auf ihre "Nähe zum Arbeitsmarkt" geprüft. Soll heißen: Wie geeignet ist ein Arbeitsloser überhaupt für einen regulären Job? Braucht der Stellensuchende lediglich etwas Bewerbungstraining, oder ist eine Fortbildung nötig? Oder muss er zunächst, wie Huth sagt, "stabilisiert" werden? Das sei zum Beispiel der Fall, wenn jemand "überschuldet ist, Suchtprobleme hat oder ohne Schulabschluss dasteht". In solchen Fällen greifen Arbeitsgelegenheiten, die jedoch "keine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt" sein könnten.

Die Ein-Euro-Jobs sind 2005 mit dem Hartz-IV-Gesetz eingeführt worden. Sie waren von Anfang an heftig umstritten. Scharfe Kritik kommt vom Bundesrechnungshof: Bei der Hälfte der Maßnahmen fehlten die Voraussetzungen für eine staatliche Förderung, bemängelten die Prüfer in einem internen Bericht. Außerdem wird kritisiert, dass Jobcenter meist Ein-Euro-Jobs zuwiesen, ohne die Hilfsbedürftigen weiter zu beraten und individuelle Ziele für die Teilnahme festzulegen.

Ein-Euro-Jobs würden häufig an die Falschen vergeben, ergab eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Gut 50 Prozent aller Ein-Euro-Jobber könnten sofort eine reguläre Stelle besetzen, wenn es sie gäbe. Sie sind nach Einschätzung der Betriebe, bei denen sie ihre Maßnahme ableisten, uneingeschränkt fit für den ersten Arbeitsmarkt.

Initiativen wie das Erwerbslosenforum fordern, die Ein-Euro-Jobs abzuschaffen. "Erwerbslose fühlen sich da oft behandelt wie kleine Kinder", sagt Sprecher Martin Behrsing. Die Teilnahme an den Maßnahmen sei alles andere als freiwillig. Einem Arbeitslosen, der sich weigert, droht die Kürzung des Arbeitslosengeldes, im schlimmsten Fall sogar die komplette Streichung. Die Angst vor Sanktionen und die Aussicht auf einen kleinen Zuverdienst – zwischen ein und zwei Euro pro Stunde – seien die einzigen Gründe, warum "Erwerbslose daran überhaupt teilnehmen", sagt Behrsing.

Für Annett Bui in Hamburg ist ihre Arbeitsgelegenheit mehr als ein Zuverdienst. Sie hat sich ihren Ein-Euro-Job selbst gewünscht. "Ich wollte mal etwas für mich tun." Für sie bedeutet der Job: Morgens von Kollegen erwartet werden. Mal jemandem erzählen können, wie das Wochenende war. Eine Beschäftigung haben. Unterwegs sein. Hin und wieder gelobt zu werden. Mit ihrem Können gefragt sein. "Es ist schön zu merken, dass du nicht alleine dastehst."

Ob die Maßnahme zu einer regulären Stelle verhilft? Annett Bui ist skeptisch. Die Fakten geben ihr Recht: Die Teilnahme an einem Ein-Euro-Job erhöht nach einer Studie des Forschungsinstituts der BA die Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Job kaum. Für westdeutsche Frauen ist sie 28 Monate nach Beginn der Maßnahme um drei Prozent erhöht. Bei ostdeutschen Frauen und westdeutschen Männern steigt die Wahrscheinlichkeit um ein Prozent, bei ostdeutschen Männern gar nicht.(epd)